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Afrozentrismus


Eurozentrische Hoheit

Menschen behandelten wohl zu allen Zeiten und in allen Weltgegenden Angehörige fremder Gruppen oft schlecht und erklärten sie zur Rechtfertigung für dumm, hinterhältig oder in anderer Weise minderwertig. In Europa griffen am Ende des 17. Jahrhunderts Forscher und Philosophen den bereits zuvor in der spanischen „Reconquista“1) gebräuchlichen2) Begriff der „Rasse“ auf, um eine „natürliche“ hierarchische Ordnung von Menschen-Kategorien zu behaupten, die auf unterschiedlichen kulturellen Stufen (vom „primitiven Urzustand“ bis zu den europäischen „Zivilisationen“) stehen würden. Diese ideologische Konstruktion wurde dazu verwendet, die im Zuge der Kolonialisierung stark zunehmende Unterwerfung und Versklavung von Bewohnern anderer Erdteile, mit moralischen Ansprüchen in Einklang zu bringen. Im Jahr 1684 erschien eine von einem französischen Arzt verfasste Schrift, in der die Menschheit nach vererblichen körperlichen Merkmalen, insbesondere der Hautfarbe, in vier „Rassen“ eingeteilt wurden. Mitte des 18. Jahrhunderts wies ein schwedischer Naturforscher den „Rassen“ spezifische körperliche, charakterliche und sittliche Merkmale zu und etwas später führte ein deutscher Forscher unter anderem die Bezeichnung „kaukasische Rasse“ ein, die in den USA noch immer in Verwendung ist. Immanuel Kant nahm in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine „unausbleibliche erbliche Eigentümlichkeit“ der von ihm nach der Hautpigmentierung unterschiedenen „Rassen“ an und betrachtete die „weiße Rasse“ als überlegene und vollkommenste, während „Schwarze“ nach seiner Auffassung keinen Verstand hatten und daher „keine Menschen“ waren. Kants „Rassen“-Verständnis fand im europäischen Raum weite Verbreitung. Ausgehend von solchen Grundkonzepten wurde im 19. Jahrhundert eine „umfangreiche Rassen-Anthropologie“ entwickelt, die „mit verschiedensten Klassifikationsmodellen, diversen Messmethoden und einer Fülle von Differenzmarkern eine schier gigantische Menge von Studien und Daten erzeugte“. Sie dienten dazu, „die Minderwertigkeit der Anderen – insbesondere von Schwarzen, aber auch von Frauen, Juden/Jüdinnen“ und so weiter – zu belegen.3)

Es war nicht so, wie häufig angenommen wird, dass die betreffenden Rassentheoretiker beim Kenntnisstand ihrer Zeit es nicht besser wissen konnten, denn es gab stets auch umfangreiche Kritik an ihren Lehren. So widersprach zum Beispiel Johann Gottfried Herder in einer um 1784 verfassten Schrift Kants Rasseneinteilung und setzte ihr seine Überzeugung von einer fundamentalen Einheit des „Menschengeschlechts“ entgegen. Hautfarben seien bloß oberflächliche Erscheinungen. Auch andere sprachen sich aus christlicher, humanistischer oder aufklärerischer Überzeugung entschieden gegen die Rassentheorien aus. Doch kam die Unterteilung der Menschheit und Abwertung Fremder mächtigen wirtschaftlichen und politischen Interessen entgegen und setzte sich deshalb durch, sodass diese Ansichten auch in der Bevölkerung zum Allgemeingut wurden.4) Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die krassesten Folgen dieser Ansichten von einem zunehmenden Teil der Bevölkerung als unerträglich und politisch nicht mehr vertretbar erachtet, doch verschwanden diese Ansichten nicht. Vielmehr wurden sie in den USA, wo eine über Jahrhunderte erzeugte „Rassenproblematik“ bestand, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch im so genannten wissenschaftlichen Bereich mit verfeinerten, weniger offensichtlichen Mitteln weitergesponnen.5) Zum Beispiel unterstützte in den 1990er Jahren eine unter dem Titel „The Bell Curve“ („Die Glockenkurve“) in den USA zum Buch-Bestseller gewordene Studie das politische Vorhaben bestimmter Kreise, Sozialausgaben für „Schwarze“ zu streichen, indem sie nachzuweisen versuchte, dass ihre Armut auf einem angeborenen Intelligenzmangel beruhe. Die Autoren argumentierten mithilfe einer rassischen Einteilung („Weiße“, „Schwarze“, „Ost-Asiaten“), unterstellten eine hohe Erblichkeit von Intelligenz und deuteten „Intelligenztest“-Ergebnisse mit statistischen Methoden. Da es in Wahrheit aber keine Menschenrassen gibt, erbliche Faktoren für die Intelligenz-Entwicklung unbestimmbar sind, Intelligenz ein vieldeutiger Begriff ist und Intelligenztests nicht das tatsächliche geistige Potential ermitteln, war die Argumentation der Autoren unwissenschaftlich. Doch vermittelte das 845 Seiten starke Buch mit vielen grafischen Darstellungen, Statistiken und einem akademischen Stil einer breiten Leserschaft den Eindruck wissenschaftlicher Objektivität und das reichte vielen, die an solche Ideologien glauben wollten, als Bestätigung.
Mehr dazu: Falsche Annahmen

Ein Umstand bot sich seit jeher als Indiz für eine naturgegebene geistige Unterlegenheit der „schwarzen Rasse“ an: Im Gegensatz zu anderen Teilen der Erde waren aus „Schwarz“-Afrika keine Anzeichen dafür bekannt, dass dort jemals eine „Zivilisation“, „Hochkultur“ oder überhaupt eine Schriftkultur existierte. Die Menschen befanden sich dort aus europäischer Sicht in einem „primitiven“, mangels schriftlicher Überlieferung geschichtslosen Urzustand. Afro-Amerikaner schämten sich, aus einem derart rückständigen, „dunklen“ Erdteil zu stammen, der ihnen den Fluch der dunklen Hautfarbe als unablegbares Zeichen dieser Abstammung mitgab.6) Der afro-amerikanische Historiker Chancellor Williams schrieb, er habe sein Buch The Destruction of Black Civilization im Jahr 1971 dringend herausbringen müssen, denn alle Lehrbücher, selbst die der „liberalsten“ Autoren, hätten den Afro-Amerikanern subtil vermittelt, dass sie zu einer Rasse von „Niemanden“ gehören, die keine nennenswerte Geschichte haben, auf die sie mit Stolz verweisen könnten.7) – Zwar lag das alte Ägypten mit seiner allseits geachteten „Hochkultur“ auf dem afrikanischen Kontinent, doch gingen die lange Zeit ausschließlich europäischen8) Erforscher der ägyptischen Geschichte und Kultur unwillkürlich davon aus, dass die alten Ägypter ungefähr so aussahen wie die gegenwärtigen9), somit keine „Schwarz-Afrikaner“ waren. Allerdings waren bereits seit Langem manche gegenteiliger Meinung und Afro-Amerikaner griffen diese Idee auf, um sich damit gegen die Abwertung, sie seien eine zu Zivilisation unfähige, geschichtslose „Rasse“, zur Wehr zu setzen:

 

Afrozentrischer Ausweg

Bereits ein schottischer Forscher, der in den 1760er und 1770er Jahren lange Nord- und Ost-Afrika bereiste, gelangte zur Auffassung, dass die ägyptische Zivilisation aus Äthiopien stammte. Ein französischer Forscher und Unterstützer der Französischen Revolution vertrat die Ansicht, dass die ägyptische Astronomie, die er für die grundlegende Wissenschaft hielt, aus dem Süden nach Ägypten gelangt war. Ein Freund von ihm, der in den 1780er Jahren nach Ägypten reiste, erklärte, dass die alten Ägypter „Neger“ waren. Diese Aussage nutzte ein bedeutender französischer Priester und Politiker als Argument gegen die Sklaverei, unter anderem in einem Buch, das im Jahr 1810 ins Englische übersetzt wurde und dann die Bemühungen von Afro-Amerikanern um Abschaffung der Sklaverei unterstützte.10) Bereits zuvor, im Jahr 1789, verkündete ein afro-amerikanischer Prediger in Boston, Ägypten sei der bedeutendste Teil des afrikanischen Äthiopiens gewesen und im alten Ägypten habe sich gezeigt, wozu „Schwarze“ in der Lage sind. Diese Sichtweise tauchte auch in der Niederschrift einer 1815 in New York gehaltenen Predigt auf und umfasste bereits damals folgende Annahmen: Die Zivilisation habe ihren Ursprung im „schwarzen“ Ägypten, auf dessen kulturelle Leistungen alle anderen „Hochkulturen“ (auch die griechische und römische) zurückzuführen seien, und die ägyptische Kultur sei spezifisch „afrikanisch“ gewesen und von den Sub-Sahara-Völkern fortgeführt worden. Solche Ansichten wurden in der 1827 gegründeten, ersten afro-amerikanischen Zeitschrift, in einem 1833 erschienen und mehrmals neu aufgelegten Buch sowie ab Ende der 1840er Jahre in zahlreichen weiteren Schriften verbreitet.11) Der Senegalese Cheikh Anta Diop versuchte entsprechende Hypothesen in seiner 1951 der Universität von Paris vorgelegten Dissertation zu belegen, die nach langwierigen Verbesserungsbemühungen im Jahr 1960 als Doktorarbeit angenommen wurde. Seine Auffassungen, die er auch in einem 1955 veröffentlichten Buch darlegte, blieben allerdings höchst umstritten.12) Diop war ein bedeutender Vorläufer13) des Afro-Amerikaners Molefi Kete Asante, der mit seinem 1980 erschienen Buch Afrocentricity, zahlreichen weiteren Publikationen und der Gründung des ersten Ph.D.-Programms der Black Studies eine akademische Bewegung auslöste. Ab dem Ende der 1980er Jahre fand diese „afrozentrische“ Bewegung zahlreiche Anhänger.14) Ein wesentlicher Teil der Glaubenssätze dieser Bewegung bestand in den genannten Annahmen über das alte Ägypten.15)

 

Wissenschaftliche Beurteilung

Der deutsche Ethnologe Thomas Reinhardt, der sich eingehend mit dem Afrozentrismus auseinandersetzte, kam zum Schluss, dass die „These von den schwarzen Ägyptern“ „gar nicht so abwegig ist“ und die alten Ägypter zumindest im sehr weiten US-amerikanischen Verständnis vielleicht tatsächlich als „schwarz“ betrachtet werden können. Auch andere afrozentrische Annahmen seien wesentlich schwieriger zu widerlegen, als es auf den ersten Blick erscheint.16) Aber letztlich sei die „Hauptstoßrichtung des Afrozentrismus nicht wissenschaftlicher, sondern politischer Natur“17) und die afrozentrische Argumentation habe der „Forderung nach wissenschaftlicher Strenge nur in Ausnahmefällen genügt“18). Deshalb seien afrozentrische Aussagen kaum von Wissenschaftlern kommentiert worden und wenn, dann häufig lediglich in ironischer Weise. Die Afrozentristen bewegten sich „mit schlampiger Recherche, mangelnder Quellenkritik, großzügigen Generalisierungen und forsch vorgebrachten Thesen nur allzu oft so weit außerhalb der wissenschaftlichen Norm, dass eine detaillierte Diskussion einzelner Streitpunkte überflüssig erscheint.“19) Außerdem würde die afrozentrische Theorie in längst überholten „rassischen“ Ideologien wurzeln, die bereits im 19. Jahrhundert nicht der Erkenntnis dienten und es auch heute in umgekehrter Richtung nicht tun. So tendiere der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn des Afrozentrismus „gegen Null“, was jedoch nicht seine Bedeutung als „positive Intentifikationsmatrix“ schmälere.20)

Von Wissenschaftlern ernst genommen wurde hingegen das dreibändige Werk Black Athena (1987, 1991, 2006)21) des britischen Universitätsprofessors Martin Bernal22), der Sinologie studiert hatte und sich viele Jahre mit aktuellen Entwicklungen in China und Vietnam befasste, bevor er sich auf die Antike des östlichen Mittelmeerraums konzentrierte. Er gelangte unter anderem zur Auffassung, dass das alte Ägypten beim gegenwärtigen Kenntnisstand als afrikanische Zivilisation betrachtet werden sollte und der Sichtweise der alten Griechen zu folgen wäre, die den Ägyptern und Phöniziern eine zentrale Rolle in der Bildung ihrer Kultur zugesprochen hätten. Diese beiden Punkte seien von europäischen und nordamerikanischen Forschern seit dem frühen 19. Jahrhundert aus ideologischen Gründen geleugnet worden.23) Im Einzelnen behauptete Bernal, dass bereits 200 Jahre vor der Vereinigung von Ober- und Unter-Ägypten um 3400 v.Ch. in Nubien ein hochentwickelter Staat bestand. Die Bevölkerung des später entstandenen Ober-Ägyptens sei wie die Nubier dunkelhäutig gewesen, während das im Nil-Delta gelegene Unter-Ägypten von mediterranen Nordafrikanern, die auch südwest-asiatische Züge hatten, besiedelt gewesen sei. Nach der Vereinigung von Ober- und Unter-Ägypten unter der Herrschaft Ober-Ägyptens hätten sich deren Bewohner zunehmend vermischt, doch noch heute gebe es im Erscheinungsbild der Bevölkerung Ägyptens ein entsprechendes Merkmalgefälle von Süden nach Norden. Mit der Vermischung sei ein verstärkter kultureller Einfluss aus Syrien und Mesopotamien einhergegangen, der wahrscheinlich auch die Idee des Schreibens mit sich brachte. Zwischen der mesopotamischen Keilschrift und den ägyptischen Hieroglyphen bestünden jedoch fundamentale Unterschiede und es seien viele Symbole aus Nubien und dem frühen Ober-Ägypten in die spätere ägyptische Schrift aufgenommen worden, sodass sie einen völlig eigenständigen Charakter hatte. Auch die Staatsorganisation Ägyptens habe sich grundsätzlich von südwest-asiatischen Formen unterschieden. Die ägyptische Kultur, die sich durch einen hohen analytischen Grad ausgezeichnet habe, sei bereits um 3000 v.Ch. konsolidiert gewesen und in den folgenden 500 Jahren seien nahezu alle Pyramiden gebaut sowie die ägyptische Architektur, Mathematik und Kunst auf ein sehr hohes Niveau gebracht worden. Die analytische Tradition Ägyptens habe später eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der griechischen Medizin und Wissenschaft gespielt.24)

Aussagen Bernals wurden von Spezialisten der jeweiligen Fachrichtungen, die seine Hypothesen betrafen, heftig kritisiert und er räumte schließlich selbst ein, dass viele seiner, aus einer generellen Sicht getroffenen Annahmen einer näheren Überprüfung tatsächlich nicht standhielten.25) Ein emeritierter Professor für alt-griechische Geschichte sagte, Bernals Arbeit sei fehlerhaft, aber wertvoll. Man brauche zwar niemandem erklären, dass Griechenland von den Ägyptern und Phöniziern tiefgreifend beeinflusst wurde und die Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert viel an rassischen Vorurteilen einschloss. Doch habe vor Bernal niemand all das so zusammengestellt wie er.26) Bernal selbst erklärte, kein Afrozentrist zu sein und nicht zu glauben, „dass alles Gute von nur einem Kontinent kommt“.27) Die alten Ägypter betrachtete er nicht als „reinrassige“ Afrikaner, sondern vermutete in ihnen eine Mischung europäisch-asiatischer und zentralafrikanischer Elemente, wie sie auch für viele Afro-Amerikaner typisch ist.28) Der bereits erwähnte Ethnologe Thomas Reinhardt führte eine seines Erachtens treffende Aussage einer Archäologin aus dem Jahr 1996 an, nach der die alt-ägyptische Bevölkerung weder „schwarz“ noch „weiß“ war.29)

Es ist allerdings wohl kaum anzunehmen, dass zu allen Zeiten und in allen Gebieten des alten Ägyptens stets dieselbe ethnische Mischung bestand. Sollten von Bernals Aussagen wenigstens die Behauptung eines heute noch bestehenden Merkmalgefälles von Süd nach Nord sowie die Annahme einer ursprünglichen Verbindung von Ober-Ägypten zu Nubien und einer bereits frühen Konsolidierung der ägyptischen Kultur unter ober-ägyptischer Herrschaft richtig sein, so spräche doch einiges dafür, dass das kulturelle Fundament des alten Ägyptens das Werk überwiegend dunkelhäutiger Menschen war. Dieses Ergebnis würde zwar bei Weitem nicht das gesamte Thesen-Gebäude des Afrozentrismus stützen, aber doch die Behauptung widerlegen, dunkelhäutige Menschen hätten keine „Zivilisation“ hervorgebracht.

Weitere afrozentrische Annahmen, etwa dass jede „Hochkultur“ auf die ägyptische zurückzuführen sei, sind offenbar zumindest nicht wörtlich oder schlechthin nicht ernst zu nehmen. Auch die Behauptung, die ägyptische Kultur sei von den Sub-Sahara-Völkern fortgeführt worden, erhielt von Historikern keine Unterstützung. Vielmehr wurde der Einfluss der alten Ägypter über ihre unmittelbaren Nachbarn in Nubien hinaus als auffallend gering bewertet. Der anerkannte, auf afrikanische Geschichte spezialisierte britische Historiker John Iliffe erklärte diesen Umstand damit, dass die ägyptische Kultur sehr speziell auf die Gegebenheiten im Niltal zugeschnitten gewesen sei und die Blütezeit Ägyptens mit dem Austrocknen der Sahara zusammenfiel, die das Niltal zunehmend vom übrigen Afrika isolierte.30) Allerdings wies der deutsche Ägyptologe Martin Fitzenreiter auf eine nach wie vor in Gang befindliche Diskussion zahlreicher Parallelen zwischen der pharaonischen und anderen afrikanischen Kulturen hin, deren Zusammenhänge noch umstritten sind.31) Er sah das alte Ägypten durchaus in Verbindung mit den Kulturen der südlichen Nachbarn und mit afrikanischer Geschichte32) und respektierte andere, außereuropäische Ansätze, insbesondere die von Cheikh Anta Diop initiierten afrikanischen,33) sowie auch die bereits vor der Entstehung wissenschaftlicher Ägyptologie bestandenen34).

 

Übernommene Sichtweisen

Bei den Bemühungen, die Behauptung zu widerlegen, dass die „schwarze Rasse“ keine Zivilisation hervorgebracht hätte, übernahmen die Afrozentristen durch die Verwendung der mit dieser Behauptung vorgegebenen Begriffe zu einem erheblichen Teil die abwegigen Denkmuster der unseligen Ideologien. Es gibt weder eine „schwarze“ noch eine „weiße“ und auch keine andere biologische Menschen-„Rasse“ und es ist schlicht falsch, Gruppen von Menschen erbliche geistige Fähigkeiten und Charaktereigenschaften zuzuordnen.35) Damit erübrigt sich die gesamte Streitfrage.

Warum in Afrika außer dem alten Ägypten relativ wenig an größerer staatlicher Organisation entstand, erklärte der bereits erwähnte Historiker John Iliffe mit folgenden Besonderheiten: Afrika sei aufgrund sehr ungünstiger Umweltbedingungen (großteils unfruchtbare Böden, unregelmäßige Regenfälle, Vielzahl schädlicher Insekten, extrem große Verbreitung von Krankheiten) bis ins 20. Jahrhundert hinein unterbevölkert gewesen. Die Siedlungen seien deshalb verstreut gelegen und die „gewaltigen räumlichen Entfernungen behinderten den Transport, begrenzten den Profit, den die Mächtigen abschöpfen konnten, erschwerten die Entstehung gebildeter Eliten und formeller Institutionen; sie beließen den Siedlern große Freiheiten und verhinderten die Entstehung staatlicher Organisationsformen, auch wenn die Führer vielfältige Anstrengungen unternahmen, Menschen an sich zu binden.“36) Das bedeutet aber natürlich nicht, dass die dort lebenden Menschen keine Kultur hervorbrachten, wie das Beispiel hochkomplexer Musik von Pygmäen im zentral-afrikanischen Regenwald eindrucksvoll vor Augen führt.37)[+]

Umgekehrt hat Zivilisation häufig ausgesprochen „unzivilisierte“, nicht selten zutiefst „barbarische“ Seiten. Man mag in den großen Pyramiden der Ägypter technische, mathematische, architektonische und organisatorische Meisterleistungen sowie einen Ausdruck beeindruckender Spiritualität sehen. Aber sie sind letztlich doch schlicht überdimensionale Grabmäler, Monumente eines brutalen, religiös verbrämten Herrschertums und erschreckende Machtdemonstrationen, die die mörderische Zwangsarbeit vieler tausender Menschen erforderten. Bereits der oben erwähnte Franzose, der in den 1780er Jahren Ägypten bereiste und von den Pyramiden zunächst beeindruckt war, fand, dass diese „nutzlosen Gräber“ doch enorme Energieverschwendung waren und dass die „Extravaganz der Despoten, die diese barbarischen Arbeiten angeordnet haben,“ empörend ist. Die monumentalen Anlagen legen seines Erachtens weit weniger Zeugnis ab vom „Genie eines reichen und kunstsinnigen Volkes als von der Knechtschaft einer Nation, gequält für die Kapricen seiner Herren“.38) Im Vergleich zum Totenkult und Herrschaftsprotz, den die Pharaonen mit den geometrisch aufgeschichteten Steingebilden inszenieren ließen, ist die kunstvoll strukturierte, einem intensiven Gemeinschaftserlebnis dienende Musik der egalitär und friedfertig lebenden Aka-Pygmäen ein wesentlich lebendigeres und menschlicheres Kulturgut. Auch braucht zum Beispiel eine Nomadengruppe für ein Überleben in der Sahel-Zone wohl nicht unbedingt weniger geistige Fähigkeiten als ein ägyptischer Beamter oder Priester. Doch sind die Spuren der Nomaden längst verweht und viele wertvolle Formen von Kultur und Intelligenz im Alltag (zum Beispiel geschickte soziale Interaktionen einzelner Personen) wurden nie festgehalten. All das Leben, das keine Zeugnisse hinterlässt, versinkt aus historischer Sicht in Bedeutungslosigkeit. Heute noch studieren lassen sich hingegen etwa die Bauweise der Pyramiden, erhalten gebliebene Aufzeichnungen auf Papyrus-Fragmenten über die Anlieferung von Steinblöcken für den Pyramidenbau sowie bildliche und schriftliche Darstellungen der religiösen Geschichten, mit denen den Bauern, die Überschüsse und damit die Grundlage des gesamten ägyptischen Staatsapparates produzierten, vermittelt wurde, dass die halbgöttlichen Pharaonen als „Garanten der natürlichen Ordnung“39) unentbehrlich seien. Seit jeher waren Geschichtsschreiber für den Ruhmes- und Verewigungs-Kult Mächtiger empfänglich und neigten zu einer Wertschätzung für Herrschafts-Organisation. Es ist erstaunlich, dass zum Beispiel der mazedonische Kriegsherr Alexander in der Geschichtsschreibung bis heute als „der Große“ bezeichnet wird, obwohl an ihm nichts „groß“ war außer den kriegerischen Erfolgen seines Eroberungszuges, den er bis zur Selbstzerstörung immer weiter fortführte und mit dem er immenses Leid verursachte. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden seine Taten von angesehenen Historikern mit Erklärungen beschönigt wie, er habe für eine „kulturell positive Völkervermischung“ gesorgt und einer „zivilisatorischen Mission“ gedient.40) Mit solchen Sympathien für Herrschertum und Macht dürfte es wohl zusammenhängen, dass „Zivilisation“ selbst dann mit menschlicher Geisteskraft und Kultur gleichgesetzt wurde, wenn in Wahrheit pure „Barbarei“ am Werk war. Die afrozentrische Mystifizierung Ägyptens scheint von solchen ideologischen Verklärungen ebenfalls nicht frei zu sein.

Eine Verzerrung ist auch die Vorstellung, dass im östlichen Mittelmeerraum der Antike Afrika, Asien und Europa aufeinandertrafen. Die in Afrika lebenden Menschen bildeten genauso wenig eine einheitliche Bevölkerungsgruppe wie die Asien und Europa bevölkernden. Das, was man „Afrika“ nennt, ist eine Vorstellung, die das Bestehen einer weltweiten Landkarte voraussetzt, was afrikanische Völker nicht besaßen.41) Die heute übliche, letztlich willkürliche Grenzziehung zwischen geographischen Gebilden, die „Kontinente“ genannt werden, bestand in der Zeit des alten Ägyptens nicht. Mit den alten Ägyptern, Phöniziern (im heutigen Libanon und Syrien), Assyrern (in Mesopotamien), Hethitern (in der heutigen Türkei) und den Bewohnern Griechenlands (die die minoische und mykenische Kultur hervorbrachten) trafen nicht Afrika, Asien und Europa aufeinander, sondern benachbarte Reiche mit Bevölkerungen, deren Biologie und Kultur aus kaum entwirrbaren Gemischen bestand.

Die Streitfrage, ob die kulturellen Leistungen Griechenlands oder Ägyptens bedeutender und damit Europäer oder Afrikaner überlegen waren, ist in Wahrheit bloß eine verfehlte Projektion der westlichen „Rassenproblematik“ auf weit entfernte Lebensverhältnisse.

 

Andere Denkungsart

Die Afrozentristen behandelten also mit höchst fragwürdigen Behauptungen, platter Einseitigkeit und ideologischem Eifer ein Thema, das aufgrund der Unhaltbarkeit von „rassischen“ Unterscheidungen längst überholt sein sollte. Damit stießen sie auch unter Afrikanern und Afro-Amerikanern auf Kritik.42) So warf ihnen der aus Nigeria stammende, in den USA lehrende Historiker Tunde Adeleke vor, geradezu lächerliche Theorien zu produzieren43) und letztlich kaum mehr anzubieten als eine „psychologische und therapeutische Miteinander-Wohlfühl-Philosophie“44). – Diese Kritik ist wohl insofern zu relativieren, als „Gefühls-Philosophien“ schon immer die Geschichtsschreibung verzerrten (siehe oben zu Alexander dem „Großen“). Das alte Ägypten wird im Afrozentrismus lediglich in derselben verfälschenden Weise zur einzigartigen Quelle menschlicher Kultur und Größe stilisiert, wie es in der abendländischen Geschichte bis in die Gegenwart mit Griechenland betrieben wurde.45) Die etablierte westliche Wissenschaft scheint mittlerweile zu differenzierteren Sichtweisen gelangt zu sein, nachdem für den ohnehin übermächtigen „weißen Westen“ kein Anlass mehr besteht, seine allseits augenfällige Überlegenheit in Theorien zu behaupten oder die Brutalität einer Sklaverei, die seine Bürger empört, zu rechtfertigen. Menschen mit dunkler Hautfarbe sind hingegen nach wie vor einer Abwertung ihres intellektuellen Potentials ausgesetzt und in dieser Lage drängt sich die Verteidigung zwangsläufig in den Vordergrund, sodass der Anspruch möglichst purer „Wissenschaftlichkeit“ zweitrangig wird. Dass Universitätsinstitute für „schwarze Studien“ verwegene Theorien mit nahezu religiösem Charakter wie die des Afrozentrismus lehren und verbreiten, ist daher kein zu belächelndes Zeichen für eine mangelnde Fähigkeit von Afro-Amerikanern zu Wissenschaftlichkeit, sondern ein Symptom des anhaltenden Rassismus in den USA. Gerade die weit hergeholten, zu erheblichem Teil mythologischen Konstruktionen (wie einer im alten Ägypten verankerten „Afrikanität“) zeigen, wie schwierig es für viele Afro-Amerikaner ist, denen Bildung und kulturelle Werte wichtig sind, ein geistiges Zuhause zu finden. Soweit sie sich jedoch auf eine andere, „afrikanische“ Denkungsart berufen, die intuitiver und spiritueller als die „westliche“ sei46), entziehen sie sich selbst jede wissenschaftliche Überzeugungskraft und stellen damit die Berechtigung entsprechender „schwarzer Studien“ auf Universitäten in Frage. Denn es gibt in der Wissenschaft keine Alternative zur Forderung eines Strebens nach Logik, Objektivität und Sachlichkeit, egal, ob man die wissenschaftliche Herangehensweise als europäisch, „weiß“ oder als allgemein-menschliche Fähigkeit betrachtet.47) Storytelling kann wesentlich wirksamer und bedeutender sein als Wissenschaft, aber Wissenschaft ist nicht einfach Storytelling.

 

Imagination

Einen ganz anderen Stellenwert haben die Afro-Mythen hingegen in den künstlerischen Bereichen: Dort sind sie passend und außerordentlich fruchtbar. Es scheint gerade eine besondere Stärke afro-amerikanischer Subkulturen zu sein, dass sie in ihrer Identitätssuche mit erstaunlicher Kreativität immer wieder inspirierende Perspektiven hervorbrachten, die die Sinne in einer umfassenden Weise ansprachen und so Lebendigkeit versprühten. Wie weit sich die afrozentrische Botschaft über Intellektuellenkreise hinaus verbreitete und wie ansprechend sie sein kann, zeigt zum Beispiel das im Jahr 1992 gedrehte Video zu Michael Jacksons erfolgreichem Popsong Remember the Time. Jackson trat darin in einem ästhetischen, glamourösen alt-ägyptischen Ambiente vor einem Pharao auf, um dessen Ehegattin zu unterhalten. Alle Personen in diesem Ägypten sind „schwarz“ und Jackson erinnerte mit der ständig wiederkehrenden Frage „Do you remember the time?“ dem Text nach zwar die Königin an seine frühere Liebesaffäre mit ihr, unausgesprochen zugleich aber auch an jene große Zeit, als „sie“ (die „Schwarzen“) im Land am Nil als stolze Könige und Königinnen die Wiege der Zivilisation repräsentierten48). Dieser neunminütige Film sollte nach Aussage des Regisseurs ebenso lehrreich wie unterhaltend sein und zeigen, dass sie ein „stolzes Erbe“ haben.49) – Anspielungen auf ein „schwarzes“ altes Ägypten gab es in der populären Musik jedoch schon lange davor. In den 1960er und 1970er Jahren waren sie auf Schallplattenhüllen der Alben afro-amerikanischer Musiker zu finden und danach sorgten Hip-Hop-Musiker für eine besonders starke Verbreitung afrozentrischer Sichtweisen.50)

Der Jazzmusiker Sun Ra nahm bereits Anfang der 1950er Jahre seinen auf den ägyptischen Sonnengott Ra bezogenen Namen an51), nachdem er sich in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre in Chicago niedergelassen hatte und dort mit vielfältigen Ideen afro-amerikanischer Subkultur in Berührung kam, unter anderem mit denen der „schwarzen Hebräer“ und „schwarzen Muslime“, insbesondere aber afrozentrischen, die an seine seit Kindheit bestehende Begeisterung für das alte Ägypten anknüpften52). Sun Ra führte mit seinem Orchester eine exzentrische Musik und Bühnenshow auf und inszenierte sich als spiritueller Führer mit außerirdischem Auftrag. Dabei trieb er die Irrationalität mit naiv und banal wirkenden Mitteln wie etwa einem silbernen und goldenen Heiligenschein um seinen Kopf geradezu auf die Spitze. Während manche Hörer und Musiker von der Exzentrizität und sinnlichen Ausdruckskraft der Auftritte des Sun Ra Arkestras angesprochen wurden, schätzten andere Sun Ra jedoch als belesenen Kenner und Vermittler eines „nicht-westlichen“ „Wissens“, das sich auf eine „afrikanische“ Denkungsart stützt. So erzählte der Tenorsaxofonist Von Freeman, der Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre im Sun Ra Arkestra spielte53), dass John Coltrane immer, wenn er nach Chicago kam, vom Baritonsaxofonisten des Arkestras Pat Patrick, mit dem Coltrane befreundet war, zu Sun Ra gebracht wurde. Auf die Frage, über was Sun Ra und Coltrane sprachen, vermutete Freeman, dass Sun Ra über das sprach, worüber er immer gesprochen habe: über das alte Ägypten. Steve Coleman erwähnte dazu, dass Musiker früher nicht leicht Zugang zu solchen Informationen hatten und daher Leute wie Sun Ra, Yusef Lateef und Muhal Richard Abrams aufsuchten, wenn sie daran interessiert waren. Sun Ra und Abrams seien nicht direkt miteinander verbunden gewesen, sondern hätten in Chicago zwei unterschiedliche Richtungen repräsentiert, die man Mysterienschulen nennen könne.54) – Als Colemans Musikerlaufbahn in seiner Heimatstadt Chicago begann, war Sun Ra längst von dort weggezogen, doch sah Coleman später das Sun Ra Arkestra oft. Wie viele andere betrachtete er Sun Ra zunächst als verrückte Clown-Figur, bis er den Eindruck gewann, dass Coltrane an Sun Ras Philosophie ernsthaft interessiert gewesen war. Coleman las dann unter anderem Sun Ras Buch Space is the Place und sprach mit Musikern, die bei Sun Ra spielten, wann immer sich eine Gelegenheit dazu ergab, denn er war mittlerweile selbst von afrozentrischen Ideen, die er aus Literatur bezog, begeistert. In musikalischer Hinsicht blieb er jedoch von Sun Ra unbeeinflusst.55)[+]

In der historischen Entwicklung des Jazz ergab sich nach Colemans Darstellung dadurch ein Wendepunkt, dass Musiker in der Zeit des zweiten Weltkriegs zunehmend begannen, sich nicht mehr als Unterhalter zu verstehen. Häufig werde dieser Wandel als Hinwendung zu einem Künstlertum gedeutet und das sei gewiss für so manchen zutreffend, der die der „Klassik“ vorbehaltenen Konzerthallen erobern wollte. Aber es habe auch einen Strom gegeben, der in der Denkungsart in eine „sehr nicht-westliche“ Richtung ging und mit der Einführung verschiedener religiöser Vorstellungen, etwa des Islam, in die afro-amerikanische Subkultur zusammenhing. Nicht-westliche Elemente, zum Beispiel die von Marcus Garvey vertretenen Sichtweisen, würden weit zurückreichen und im Grunde aus Afrika oder aus einer Art afrikanischen „Sensibilität“ stammen. Mit ihnen sei auch ein Ausprobieren verschiedener nicht-westlicher spiritueller Praktiken einhergegangen. Er habe auf seinen Afrika-Reisen jedoch festgestellt, dass Afro-Amerikaner in den USA nach all den auf die Sklaverei zurückgehenden Erfahrungen „sehr, sehr anders“ denken als Afrikaner.56)

Ein frühes Anzeichen für Colemans Beeinflussung durch afrozentrische Ideen ist wohl der Untertitel seines im Februar 1990 aufgenommenen Albums Rhythm People: The Resurrection of Creative Black Civilization (Die Wiederauferstehung kreativer schwarzer Zivilisation). Sein nächstes, im Dezember 1990 aufgenommenes Album Black Science enthält den von ihm geschriebenen, von Cassandra Wilson gesungenen Song Beyond All We Know, in dem vom Nil und von Königen und Königinnen die Rede ist, die einst die Welt regierten57). Auch der Titel des Albums vermittelt eine „nicht-westliche“ Auffassung: Nach ihm gibt es eine eigene „schwarze“ Wissenschaft, die dem Titelbild zufolge eine Art Magie ist. Gemeint war die alt-ägyptische Wissenschaft58), die noch mit Religion und Mythen verwoben war. Eine wesentliche Rolle in Colemans Vorstellung von einer alternativen Denkungsart spielt, was er „intuitive Logik“ nennt, eine Verschmelzung von Intuition und Logik.59) – In Bezug auf Wissenschaft ist diese Sichtweise verfehlt60) und Colemans Empfänglichkeit für verschiedenste altertümliche Erklärungsmodelle, die er in seiner weiteren Laufbahn aufgriff, irritiert bei einer kritischen Weltsicht. Doch ist rationale Richtigkeit in der Musik ebenso unbedeutend wie in der Poesie oder anderen Künsten. Irrationale, spirituelle Vorstellungen, die Musiker faszinieren und inspirieren, sind seit jeher eine bedeutende Quelle ihrer Ausdruckskraft. Colemans mythische Anschauungen sind aus Titeln erkennbar und er sprach häufig über sie, in der Musik selbst sind sie hingegen zwar atmosphärisch spürbar, aber ihre konkreten Inhalte werden nur selten deutlich – etwa im Stück Ausar (1998)61), an dessen Ende Colemans Saxofonspiel in der Königskammer der Cheops-Pyramide von Gizeh zu hören ist und durch eine mystische Atmosphäre die Inkarnation des Pharao dargestellt wird. Man braucht an solche Geschichten nicht zu glauben, um dieser musikalischen Darstellung einer außerirdischen Verwandlung einen Reiz abzugewinnen, und wenn diese Bilder einen nicht ansprechen, so bleibt in Colemans Gesamtwerk genug Diesseitiges.

Der Pianist Vijay Iyer wies im Jahr 2010 darauf hin, dass Steve Coleman einen großen Einfluss auf viele Musiker ausübt, und zwar nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch durch seine grundsätzliche Einstellung zur Musik und zum Leben.62) Einen wesentlichen Teil seiner Haltung bildet zweifelsohne seine „nicht-westliche“ Orientierung und diese Identifikation mit einem kulturellen Gegenpol zum dominanten „Westen“ lenkt zwangsläufig auch die musikalische Entwicklung: nämlich hin zu jenen Jazz-Qualitäten, die afrikanischen Musiktraditionen näher stehen.

 

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  1. Rückeroberung der von muslimischen Mauren beherrschten Gebiete durch Christen, die auch zu einer Vertreibung der Juden führte
  2. QUELLE: Tino Plümecke, Rasse in der Ära der Genetik, 2013, S. 66-68
  3. QUELLE: Tino Plümecke, Rasse in der Ära der Genetik, 2013, S. 69-75
  4. QUELLE: Tino Plümecke, Rasse in der Ära der Genetik, 2013, S. 78f.
  5. Stephen Jay Gould um 1981: „Wir leben in einem feinfühligeren Jahrhundert, doch die grundlegenden Argumentationen scheinen sich nie zu wandeln. Die Plumpheiten des Schädelindex [Vermessungen und Vergleiche der Schädelformen von „Rassen“ und auch Affen waren im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. ein beliebtes Argument der „Rassenkunde“] haben der Komplexität der Intelligenztests Platz gemacht.“ (QUELLE: Tino Plümecke, Rasse in der Ära der Genetik, 2013, S. 93, Quellenangabe: Stephen Jay Gould, Der falsch vermessene Mensch, 1988/engl. 1981, S. 153)
  6. Thomas Reinhardt: Kaum jemand „bestreitet ernsthaft, dass schwarze Amerikaner dem Kontinent ihrer Ahnen während der ersten 300 Jahre der amerikanischen Diaspora nur wenig Sympathie entgegenbrachten. […] Was schwarze Amerikaner mit Afrika verband, war mehrheitlich nichts als der Fluch einer Hautfarbe, deren schlechtes Ansehen für die meisten ihrer Träger den Ausschluss vom amerikanischen Traum bedeutete. […] Zugleich war diese Farbe das einzige, was man niemals ablegen, was keine noch so herausragende Leistung vergessen machen konnte.“ (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 137)
  7. QUELLE: Chancellor Williams, The Destruction of Black Civilization, 1974/1971, S. 17, Internet-Adresse: https://shazereverquar.files.wordpress.com/2013/04/1-the-destruction-of-black-civiliaztion.pdf
  8. Die „moderne wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Ägypten“ begann im Zuge einer Expedition Napoleons im Jahr 1798 und wurde dann lange Zeit ausschließlich von europäischen Forschern betrieben. Publikationen „echter“ Ägyptologen aus Amerika erschienen erst um 1900. (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 172 und 178f.)
  9. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 213
  10. Martin Bernal: „Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde noch eine dritte Ansicht befürwortet. Demzufolge waren die alten Ägypter sowohl Afrikaner als auch die Begründer der westlichen Zivilisation. Der wahrscheinliche Ursprung dieses intellektuellen Trends waren die Werke des unerschrockenen schottischen Reisenden James Bruce. Um 1760 und 1770 reiste Bruce durch Ägypten und verbrachte einige Jahre in Äthiopien. Er sah Verbindungen zwischen den Zivilisationen Äthiopiens und Ägyptens und glaubte, dass die äthiopische Form älter war. Für Bruce war die Quelle des Blauen Nils die Quelle der Zivilisation. – Charles François Dupuis war ein gelehrter Forscher der Antike und ein brillanter wissenschaftlicher Erfinder. Er unterstützte auch die Revolution und organisierte die anti-christliche Religion der Vernunft, die von den jakobinischen Führern der Revolution gefördert wurde, die nebenbei bemerkt viele ägyptische Symbole benutzten. Dupuis argumentierte, dass die ägyptische Astronomie, die er für die grundlegende Wissenschaft hielt, aus dem Süden nach Ägypten kam. Sein Freund Constantin [François] Chasseboeuf de Volney machte die Verbindung zwischen „Negern“ und dem Ursprung der westlichen Zivilisation explizit. Sein Werk wurde eine mächtige Waffe in der Hand der Abolitionisten. In Frankreich widmete der große Abolitionist Abbé Grégoire, in seinem Buch An Enquiry Concerning and Moral Faculties, and Literature of Negroes das erste Kapitel den Argumenten von Volney und betonte, dass die alten Ägypter „Neger“ waren, und schloss: Ohne den Ägyptern den höchsten Grad des Wissens zuzuschreiben, entschieden sich alle in der Antike, es als eine gefeierte Schule zu betrachten, aus der viele der verehrten und gelehrten Männer Griechenlands kamen. – Grégoires Werk wurde im Jahre 1810 in Brooklyn ins Englische übertragen und es gab bald den gebildeten Afrikaner-Amerikanern mehr Selbstbewusstsein. – Das Thema, dass schwarze Ägypter die Zivilisation gegründet hatten, wurde von zwei überzeugenden Pamphleten aufgenommen, die im Jahre 1829 publiziert wurden: The Ethiopian Manifesto, Issued in Defense of the Black Man's Rights in the Scale of Universal Freedom von R. A. Young, und David Walkers Appeal to the Coloured Citizens of the World, das noch viel einflussreicher war.“ (QUELLE: Martin Bernal, Die Schwärzung Ägyptens und die Bildung eines arischen Modells, Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften Trans, November 2003, Internet-Adresse: http://www.inst.at/trans/15Nr/plenum/bernal15DE.htm) – Zu Volney siehe auch: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 201-209
  11. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 182-209
  12. QUELLE: deutschsprachiger Wikipedia-Artikel zu Cheikh Anta Diop
  13. Thomas Reinhardt: Diop sei einer der wichtigsten Ahnherren der afrozentrischen Bewegung gewesen. (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 215) Asantes Buch Afrocentricity (1980) stelle die Geburt des Afrozentrismus dar. (S. 14)
  14. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 14
  15. Thomas Reinhardt: Ein „Großteil der afrozentrischen Textproduktion“ bestehe bis heute letztlich aus „Variationen der vier großen von Hamilton [dem Prediger des Jahres 1815] eingeführten topoi: die Zivilisation hat ihren Ursprung in Ägypten; spätere Hochkulturen anderer Weltgegenden lassen sich auf Ägypten zurückführen; die alten Ägypter waren schwarz; und schließlich: es gibt eine kulturelle Einheit der afrikanischen Völker, die von Ägypten ihren Ausgang nahm und in den Gesellschaften südlich der Sahara und der amerikanischen Diaspora fortlebt.“ (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 186) – „Die These von den schwarzen Ägyptern ist […] die afrozentrische Kernaussage, die in den vergangenen Jahrzehnten die wohl breiteste Öffentlichkeitswirkung entfalten konnte.“ (S. 16)
  16. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 16f.
  17. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 217
  18. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 219
  19. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 222
  20. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 319f.
  21. deutsche Übersetzung des ersten Bands: Schwarze Athene, 1992
  22. Thomas Reinhardt: Bernals Thesen seien von den Wissenschaftlern ernst genommen worden, die ihr „geballtes Fachwissen aufboten, um Bernal Punkt für Punkt zu widerlegen“. (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 222)
  23. Martin Bernal: „Im Zentrum meines Projekts mit dem allgemeinen Titel Schwarze Athena ist der Ursprung der antiken griechischen Zivilisation. Erstens, es ist heuristisch ergiebig, das antike Ägypten als eine afrikanische Zivilisation zu sehen. Zweitens sollte man die Ansicht der alten Griechen akzeptieren, dass Ägypten und Phönizien eine zentrale Rolle in der Bildung ihrer höheren Kultur gespielt haben. Drittens, dass europäische und nordamerikanische Forscher diese beiden Punkte seit dem frühen 19. Jahrhundert geleugnet haben, lässt sich eher in ideologischen Begriffen als in ernsthaft akademischen erklären.“ (QUELLE: Martin Bernal, Die Schwärzung Ägyptens und die Bildung eines arischen Modells, Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften Trans, November 2003, Internet-Adresse: http://www.inst.at/trans/15Nr/plenum/bernal15DE.htm)
  24. Martin Bernal: Die afrikanische Geschichte beginne mit den ägyptischen Aufzeichnungen nach der Vereinigung Ägyptens durch Ober-Ägypten um 3400 v.Ch.. Es sei allerdings belegt, dass bereits in den vorangegangenen 200 Jahren ein hochentwickelter Staat in Nubien bestand, und zwar zwischen dem zweiten Nil-Katarakt [heute im Sudan nahe der Grenze zu Ägypten] und dem ersten Katarakt [heute bei Assuan]. Königliche Grabmäler entlang des dortigen Flussufers, die nun unter dem Nasser-See liegen, würden auf das Bestehen einer reichen, geschichteten Gesellschaft hindeuten. – Einige Zeit später sei in Ober-Ägypten entlang des Nils vom ersten Katarakt bis zum Mund des Deltas ein weiterer Staat aufgetaucht. Der Körpertyp der dortigen Population habe den Nubiern von damals und heute geähnelt und werde zum „Saharo-tropical"-Varianten-Bereich gezählt, der sowohl die „langgestreckten Afrikaner“ (etwa die heutigen Fulbe/Fulani oder „nilotischen Neger“, wie sie im südlichen Sudan zu sehen sind) als auch die breiten „Negro“-Physiognomien umfasse. (Quellenangabe: Shomarka Keita, Studies of Ancient Crania From Northern Africa, Zeitschrift American Journal of Physical Anthropology, Nr. 83, 1990, S. 35-48) – Es sei wahrscheinlich, dass die damalige nubische Sprache mit der von Ober-Ägypten verwandt war. Sie gehörten zur übergeordneten Familie der afro-asiatischen Sprachen. – Das größere Ausmaß und Wirtschafts-Potential von Ober-Ägypten habe ihm nicht nur im Wettstreit mit Nubien einen Vorteil verschafft, sondern auch seinem König Menes ermöglicht, Unter-Ägypten im Nil-Delta zu erobern und das gesamte Land um 3400 v.Ch. zu vereinen. Unter-Ägypten sei von Nord-Afrikanern des „mediterranen“ Typs, wie er im küstennahen Maghreb [heute Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko, Mauretanien] zu finden ist, besiedelt gewesen. Nach der Vereinigung Ägyptens habe sofort eine Vermischung der Populationstypen Ober- und Unter-Ägyptens unter den Eliten und eine langsamere im gesamten Volk eingesetzt. Selbst heute noch gebe es im Erscheinungsbild der Bevölkerung ein Merkmalgefälle von Süden nach Norden, das zu dem von Südwest-Asien tendiere. Diese Tendenz sei durch die vielen Einwanderungen und Invasionen aus Südwest-Asien, die im Laufe der letzten 5000 Jahre stattfanden, verstärkt worden. Das scheine sogar bereits vor der Vereinigung um 3400 v.Ch. begonnen zu haben. Es seien im Delta Spuren einer damaligen Besiedelung aus Syrien gefunden worden. Bereits in der ersten Hälfte des vierten Jahrtausends habe es Handelsbeziehungen zwischen der Levante [heute Syrien, Libanon, Israel, Jordanien] und Nubien und vermutlich auch Ober-Ägypten gegeben. Nach der Vereinigung habe der kulturelle Einfluss aus Syrien und Mesopotamien zugenommen. Es sei wahrscheinlich, dass das Konzept des Schreibens damals von Südwest-Asien in das Nildelta eingeführt wurde. Die fundamentalen Unterschiede zwischen der mesopotamischen Keilschrift und den ägyptischen Hieroglyphen sowie die Tatsache, dass viele altertümliche Symbole aus Nubien und dem prädynastischen Ägypten in die spätere ägyptische Schrift aufgenommen wurden, deuten darauf hin, dass selbst dann, wenn die Idee der visuellen Darstellung der Sprache von außen gekommen sein sollte, die Form des ägyptischen Schreibens gänzlich lokal ist. Ebenso seien die zentralisierten Königreiche des mittleren Niltals völlig anders gewesen als die Stadtstaaten, die damals in Mesopotamien und Syrien zu finden waren, und das pharaonische System erscheine als vollkommen einheimische Entwicklung. Ägyptens Kultur sei zu Beginn der dritten Dynastie um 3000 v.Ch. konsolidiert gewesen. Die folgenden 500 Jahre des „alten Königreichs“ seien jene gewesen, in denen nahezu alle Pyramiden gebaut wurden und die ägyptische Architektur, Mathematik und Kunst auf ein sehr hohes Niveau gebracht wurden. Von Beginn an sei die ägyptische Kultur extrem analytisch gewesen. Die Fleischverarbeitung von Tieren und das Sezieren sowie Entfernen von Organen für das Mumifizieren seien eine Tradition, die ihren Ursprung im Sahara-Raum habe, in Südwest-Asien nicht zu finden sei und parallel zum zentralen Mythos der Ermordung, Zerstückelung und Wiederzusammensetzung von Osiris verlief, dem Gott der Fruchtbarkeit, Wiedergeburt und Unsterblichkeit. Brüche konnten in der Hieroglyphenschrift als die verschiedenen Hiebe geschrieben werden, die das Zeichen für das „Auge des Horus“ ergaben, von dem gesagt wurde, er sei vom bösen Gott Seth auseinandergerissen und von Toth, dem Gott der Weisheit und der Berechnung, wiederhergestellt worden. Diese analytische Tradition des Unterscheidens der verschiedenen Teile und Funktionen des Ganzen sei in der ägyptischen Kultur bedeutend geblieben und habe eine wichtige Rolle in der Entwicklung der griechischen Medizin und Wissenschaft gespielt. Obwohl die politische Einheit und der Wohlstand des alten Königreichs durch die Anarchie der ersten Zwischenperiode nach 2500 v.Ch. zerstört wurden, überlebte seine Hochkultur und entwickelte sich im mittleren Königreich (2100-1800 v.Ch.) und neuen Königreich (1570-1070 v.Ch.) weiter. (QUELLE: Martin Bernal, Antiquity, Datum unbekannt, jedenfalls vor dem Jahr 2000, Internet-Adresse: http://www.blackathena.com/encyc.php)
  25. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 221
  26. QUELLE: Paul Vitello, Martin Bernal, ‘Black Athena’ Scholar, Dies at 76, Zeitung The New York Times, 22. Juni 2013, Internet-Adresse: http://www.nytimes.com/2013/06/23/arts/martin-bernal-black-athena-scholar-dies-at-76.html
  27. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 220
  28. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 226
  29. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 214f.
  30. QUELLE: John Iliffe, Geschichte Afrikas, 2003/1995, S. 40
  31. Martin Fitzenreiter: „Das archäologische Erlebnis Afrika – die pharaonische Kultur als Teil einer Landschaft, eines Kontinents wahrzunehmen – wurde durch das ethnographische Erlebnis ergänzt, in dem die Kultur Teil des wirklichen Lebens ist. […] Beschäftigt man sich mit ethnographischer Literatur, so stößt man auf viele, viele Beispiele, in denen bestimmte Dinge offenbar genau so sind wie in Ägypten: dieselben Totenbräuche und Kultformen, sakrale Könige und despotische oder segmentäre Staatsformen, ähnliche Insignien, Zeichen und Mythen. […] Die Frage, ob es sich bei bestimmten Parallelen, die die pharaonische Kultur zu anderen afrikanischen Kulturen hat, um Gemeinsamkeiten handelt, die einen gemeinsamen Ursprung haben (wie zum Beispiel Phänomene der Sprache, aber auch kultureller und materiell-wirtschaftlicher Art), oder ob diese Parallelen auf Universalismen der Bewegung menschlicher Kulturen zurückzuführen sind, die in dieser oder jener Ausprägung überall auf der Welt vorkommen (können), wird eine Fragestellung bleiben, die so bald nicht an Aktualität verliert. Aber auch das Problem direkter oder indirekter Kulturkontakte und der Bewegung kultureller Merkmale und Zeichen über größere räumliche und zeitliche Abstände hinweg erfreut sich nach Jahren positivistischer Detailforschung gerade in der Ägyptologie wieder zunehmender Beliebtheit.“ (QUELLE: Martin Fitzenreiter, Was interessiert den Ägyptologen/die Ägyptologie an Schwarzafrika?, in: Jürgen Thiesbonenkamp/Andreas M. Selignow [Hrsg.], Interdisziplinäre Afrikaforschung und neuer Afropessimismus, 2009, S. 25-28)
  32. Martin Fitzenreiter: In der institutionalisierten Ägyptologie stehe Afrika nicht „im Zentrum der Definition eines kulturräumlichen Zusammenhanges“. Ägypten werde „seit alters her eher als Teil des Orients behandelt“ oder als eine „mittelmeerische Region aufgefasst“. Dass dabei auch das „rassistische Weltbild“, in dem man „die Hochkultur der Pharaonen nicht den Wilden in Schwarzafrika zuordnen wollte“, eine Rolle spielte, sei sicher zutreffend, auch wenn dieser Umstand „heute eventuelle etwas überbewertet wird“. „Antike Kulturen waren seinerzeit in Afrika kaum bekannt und die Altertumsforscher suchten sich ihre Kontaktzonen und Zusammenhänge eher in dem bereits aus der Bibel vertrauten Interaktionsfeld zwischen Niltal und fruchtbarem Halbmond. [… …] Selbst wenn er es gar nicht will, wird der Ägyptologe irgendwann mit Afrika konfrontiert. Auch dem hartgesottensten Sprachwissenschaftler ist bewusst, dass das Ägyptische zur afro-asiatischen Sprachfamilie zählt und so wird er sich zwangsläufig mit Berbersprachen oder denen des Omo-Tals beschäftigen müssen.“ […] „Keine Region ist kulturell, ökonomisch, politisch so eng mit Ägypten verbunden wie Nubien. Über die Beschäftigung mit dem südlichen Nachbarn gerät der Ägyptologe oder die Ägyptologin zwangsläufig in den Sog der afrikanischen Geschichte. Entlang des Nils trifft er oder sie auf etliche frühe Hochkulturen Afrikas: auf das Reich von Kerma, auf Napata und Meroe, sogar auf Axum. Man erfährt sozusagen physisch, dass das pharaonische Ägypten nichts anderes ist als – eine weitere frühe afrikanische Hochkultur.“ (QUELLE: Martin Fitzenreiter, Was interessiert den Ägyptologen/die Ägyptologie an Schwarzafrika?, in: Jürgen Thiesbonenkamp/Andreas M. Selignow [Hrsg.], Interdisziplinäre Afrikaforschung und neuer Afropessimismus, 2009, S. 21-24)
  33. Martin Fitzenreiter: „Eigentlicher Begründer einer afrikanischen Ägyptologie wurde der Senegalese Cheikh Anta Diop (1923-1986). […] Vom ägyptologischen Standpunkt – d.h. vom Standpunkt der westlichen, institutionalisierten Ägyptologie – kann man es sich mit seinem Werk leicht machen. Das Ganze ist ein ziemliches Sammelsurium gewagter Behauptungen, die fehlerhafte Rezeption veralteter Literatur und eigentlich eine Frechheit. Vom afrikanischen Standpunkt – und diesen wenigstens andeutungsweise nachvollziehen zu können, ist das Faszinierende am Kulturschock – ist es ein großartiger Versuch, koloniale Dünkel mit den eigenen Mitteln zu schlagen. Wenn Leopolde Sengor die französische Sprache so glanzvoll nutzte, um die négritude zu feiern, so nutzte Diop, der mit Sengor in produktivster geistiger Konkurrenz stand, die westliche Ägyptologie, um Schwarzafrika als Mutter aller Kultur zu etablieren. […] Diop begründete eine eigene ägyptologische Schule, die sich in der Interpretation der pharaonischen Quellen grundsätzlich von der europäischen unterscheidet. (QUELLE: Martin Fitzenreiter, Was interessiert den Ägyptologen/die Ägyptologie an Schwarzafrika?, in: Jürgen Thiesbonenkamp/Andreas M. Selignow [Hrsg.], Interdisziplinäre Afrikaforschung und neuer Afropessimismus, 2009, S. 32f.) – Diops Ideen werden „auch in der amerikanischen afrozentrischen Bewegung rezipiert, zum größten Teil aber eher neu oder parallel erfunden. Da die US-amerikanische black community ein eigenständiges Phänomen darstellt, das mit der anti- und postkolonialen Epoche in Afrika nur mittelbar in Beziehung steht, sollten beide Bewegungen nicht als identisch angesehen werden. Es ist allerdings so, und das ist sicher eine Folge der Dominanz anglophoner Diskurse […], dass die Diskussion über die afrikanische Ägyptologie sehr schnell von der über ägyptozentristische Thesen der amerikanischen Schule überdeckt wird. Ein trauriges Kapitel ist das im Vergleich mit Diops Pathos eher ermüdende Werk Black Athena von Martin Bernal, das aber die Diskussion um die Jahrtausendwende in ganz unerwarteter Weise beförderte.“ [Fußnote: „Es ist nicht zu bestreiten, dass Bernals Werk für den nun einmal durch die englische Sprache determinierten Diskurs in der Ägyptologie und auch klassischen Archäologie große Bedeutung hat, was natürlich auch an seiner Position als universitär etablierter Renegat liegt, den man nicht so leicht aus der Diskussion fallen lassen kann wie einen an ephemeren Universitäten tätigen Afrikaner.“] (QUELLE: S. 35f.) – Während ihn als deutschen Ägyptologen die in Afrika entwickelten eigenständigen Ägyptologien faszinieren, sei bei den allermeisten seiner Kollegen „an dieser Stelle der Ofen definitiv aus“. Kulturschocks seien dazu da, „deutlich zu machen, dass es auch anders geht, ohne darum falsch oder schlecht zu sein. […] Diops Werk ist geradezu unerträglich in seinem plumpen inversen Rassismus, der alles Große und Gute an der schwarz pigmentierten Haut festzumachen scheint; aber der Blick auf die Rezeption lässt auch mich ahnen, wie bedeutend sein Werk für Afrika ist. […] Auch wenn die hitzige Debatte um Diop (oder Bernal) in der Ägyptologie inzwischen weitgehend abgekühlt ist und einer mitunter liebevollen Toleranz Platz gemacht hat, so ist es zu einer Übernahme zentraler afrozentristischer Thesen in der westlichen Ägyptologie nicht gekommen. Woran liegt das? Wahrscheinlich daran, dass die Methodik und Denkweise der westlichen Ägyptologie genau die Fragen beantworten kann, die man sich im Westen (was immer das ist) stellt. […] Dass Wissenschaft gehörig an den Zeitgeist gebunden ist, ist bekannt. Und zumindest genau dasselbe möchte ich auch dem afrikanischen Ägyptologen einräumen: dass er sich einer Methodik bedient, die seine Fragen beantworten kann. […] Das Faszinierende ist die Frage nach der Bedingtheit unserer Wissenschaft vom alten Ägypten und nach der Möglichkeit einer ‚anderen‘ Ägyptologie. […] Auch unser Aegypten ist nicht zuletzt etwas wie das Hellas der abendländischen Gymnasien.“ [Fußnote: „Jan Assmann, der bedeutendste deutsche Ägyptologe der Gegenwart, scheint in den letzten Jahren einen Weg zu gehen, der ihn immer mehr fort vom ideal-ägyptologischen Konstrukt des pharaonischen Ägypten hin zur Analyse eines europäischen Aegypten-Bildes führt, das sich über vielfältige Traditionen und ‚Erinnerungen‘ in der westlichen Zivilisation konstituiert hat.“] (QUELLE: S. 37-40)
  34. Martin Fitzenreiter: „Die Ägyptologie ist zumindest im offiziellen Sprachgebrauch eine vor allem an Universitäten durch Forschung und Lehre institutionalisierte Wissenschaft vom Ägypten vor allem der so genannten pharaonischen Zeit. […] Aber natürlich gibt es sehr viel mehr Felder ägyptologischer Forschung und entsprechend heterogen ist auch das Feld von Traditionen und Ansätzen, die sich mit Ägypten beschäftigen, bevor die Ägyptologie an den Universitäten etabliert wurde. Es gab die Antiquare und Archäologen, die wie Johann Joachim Winkelmann ägyptische Bildwerke studierten, es gab die Religionsforscher, die sich der Göttervielfalt annahmen und die Esoteriker und Freimaurer, die hermetisches Wissen der Ägypter erforschten. […] Sie leben […] weiter, oft vitaler, als es den Fachgelehrten lieb ist.“ (QUELLE: Martin Fitzenreiter, Was interessiert den Ägyptologen/die Ägyptologie an Schwarzafrika?, in: Jürgen Thiesbonenkamp/Andreas M. Selignow [Hrsg.], Interdisziplinäre Afrikaforschung und neuer Afropessimismus, 2009, S. 19f.)
  35. Näheres dazu im oben angeführten Artikel Falsche Annahmen
  36. QUELLE: John Iliffe, Geschichte Afrikas, 2003/1995, S. 9f.
  37. Näheres dazu: Link
  38. QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 206
  39. QUELLE: John Iliffe, Geschichte Afrikas, 2003/1995, S. 32
  40. Der detaillierte und offenbar kenntnisreiche deutschsprachige Wikipedia-Artikel zu „Alexander der Große“ enthält unter anderem folgende Aussagen: „Den Ausgangspunkt der modernen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Alexander bildete die 1833 erschienene Geschichte Alexanders des Großen von Johann Gustav Droysen. Droysen betonte die aus seiner Sicht positiven kulturellen Folgen von Alexanders Politik einer Völkervermischung statt einer bloßen makedonischen Herrschaft über unterworfene Barbaren. Er lobte die Wirtschaftspolitik, die Städtegründungen und die Förderung der Infrastruktur und meinte, auf religiösem Gebiet habe Alexanders Politik die Entstehung einer Weltreligion vorbereitet. Dieser Sichtweise war eine starke Nachwirkung beschieden. Im englischen Sprachraum war ihr Hauptvertreter im 20. Jahrhundert William W. Tarn, dessen 1948 erschienene Alexander-Biografie den Eroberer als Idealisten beschreibt, der eine zivilisatorische Mission erfüllen wollte. [… …] Vor einer überzogenen Kritik, wodurch sozusagen das Pendel von der Heldenverehrung Alexanders in das andere Extrem umzuschlagen droht, warnte etwa Frank L. Holt, der diesen Trend als new orthodoxy bezeichnete. (Frank Holt, Alexander the Great today. In the Interests of Historical Accuracy?, Zeitschrift The Ancient History Bulletin, 13, 1999, S. 111–117)“
  41. Thomas Reinhardt: Elisio Macamo [aus Moçambique stammender Universitätsprofessor für afrikanische Studien in Basel] habe in seinem Buch Was ist Afrika (1999) die „Geburtsstunde Afrikas“ ins 19. Jahrhundert gelegt. Afrika sei ein „Produkt der Moderne“. (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 163)
  42. Martin Fitzenreiter: Es formiere sich in Afrika durchaus auch „Widerstand gegen die sehr am westeuropäischen Vorbild schablonierte Sicht auf Ägypten, wie sie Diop und seine Schule propagieren. Denn eine sich aus der Parallelisierung von Hellas und Kemet ergebende Paradoxie ist, dass sich die Anhänger der These gewissermaßen von Ägypten abhängig machen und die übrigen kulturellen Leistungen der afrikanischen Geschichte ungebührlich vernachlässigen. Dieser Umstand wird den ägyptozentrischen Intellektuellen gerade auch von afrikanischer Seite vorgehalten.“ (QUELLE: Martin Fitzenreiter, Was interessiert den Ägyptologen/die Ägyptologie an Schwarzafrika? in: Jürgen Thiesbonenkamp/Andreas M. Selignow [Hrsg.], Interdisziplinäre Afrikaforschung und neuer Afropessimismus, 2009, S. 36)
  43. QUELLE: Tunde Adeleke, The Case against Afrocentrism, 2009, S. 92
  44. QUELLE: Tunde Adeleke, The Case against Afrocentrism, 2009, S. 180, eigene Übersetzung
  45. Martin Fitzenreiter: „Der afrikanischen Ägyptologie im diopschen Sinne geht es darum, im pharaonischen Ägypten einen kulturellen Anker zu finden, wie ihn Griechenland in der kulturellen Imagination des Abendlandes spielt. So, wie man auch heute noch ein historisch leider völlig abwegiges Konstrukt vom antiken Griechenland immer und immer wieder zum Nukleus eines modernen Europas oder einer westlichen Wertegemeinschaft oder überhaupt einer normativen Weltkultur stilisiert [Fußnote: Jack Goody betone in The Theft of History, 2006, dass nicht Griechenland den Westen gemacht hat, sondern der Westen Griechenland.], so wird von den afrikanischen Ägyptologen ein Ägypten heraufbeschworen, das erstens mindestens so bedeutend wie das alte Griechenland und zweitens noch viel älter sein soll. Dem ahistorischen Konstrukt Hellas wird das ebenso ahistorische Konstrukt Kemet entgegengesetzt.“ (QUELLE: Martin Fitzenreiter, Was interessiert den Ägyptologen/die Ägyptologie an Schwarzafrika? in: Jürgen Thiesbonenkamp/Andreas M. Selignow [Hrsg.], Interdisziplinäre Afrikaforschung und neuer Afropessimismus, 2009, S. 33f.)
  46. Gerald Early: Afrozentristen würden behaupten, dass sich traditionelle afrikanische Kultur von europäischer dadurch abhebt, dass sie von ihrer (mehr „zirkulären“ als „linearen“) Geschichte geprägt ist und kooperativer, intuitiver sowie enger mit der spirituellen Welt der Götter und Geister verbunden ist. (QUELLE: Gerald Early, Artikel zu Afrocentrism im Online-Lexikon Britannica, Internet-Adresse: http://www.britannica.com/topic/Afrocentrism)
  47. Thomas Reinhardt: Die Rehabilitierung der Afrikaner „mag ein nobles Ziel sein“, doch entbinde es „Afrozentristen als Wissenschaftler nicht von der Verpflichtung, ihren Diskurs auf eine solide Datenbasis zu stelle. […] Man kann eine solche Haltung ‚eurozentrisch‘ nennen. Sie ist es auch zumindest in dem Sinne, dass das ihr zugrunde liegende Wertefreiheitsaxiom als Fundament der wissenschaftlichen Arbeit tatsächlich ein Produkt der westlichen Moderne (und insofern auch Europas) ist.“ Wissenschaftliche Debatten im letzten Jahrzehnt hätten zwar gezeigt, dass „eine vollständige Tilgung ideologischer Einflüsse letztlich nicht gelingen kann, dem Anspruch auf Wertefreiheit aber tut diese Einsicht keinen Abbruch. [… …] Es soll hier nicht bestritten werden, dass Alternativen zum westlichen Verständnis von Wissenschaft vorstellbar sind. Der Afrozentrismus aber hat bislang wenig unternommen, um sie aufzuzeigen.“ (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 217f.)
  48. Dass die Frage „Do you remember the time?“ tatsächlich so verstanden wurde, geht aus folgenden beiden Quellen hervor: 1.) Auf dem Titelblatt einer Ausgabe der primär an Afro-Amerikaner gerichteten Chicagoer Wochenzeitschrift JET wurde Michael Jackson mit dem Pharao und der Königin aus dem Film und folgender Schlagzeile gezeigt: Michael Jackson’s New Video ‘Remembers The Time’ When Blacks Were Kings And Queens (QUELLE: Zeitschrift JET, Februar 1992, Jahrgang 81, Nummer 17) – 2.) Aussage des britischen Universitätsprofessors und Autors Paul Gilroy: Heute scheinen sich „Schwarze“ wesentlich lieber mit den glamourösen Pharaonen zu identifizieren als mit der erbärmlichen Notlage jener, die sie in Knechtschaft hielten. Michael Jacksons wiederholte Frage „Erinnerst du dich an die Zeit?“ – der Nil-Tal-Zivilisationen – habe zum Beispiel kürzlich die Nachfrage von Burning Spear ersetzt, ob man sich an die Zeit der Sklaverei überhaupt noch erinnert. (QUELLE: Paul Gilroy, The Black Atlantic, 1993, S. 207)
  49. QUELLE: Aldore Collier, Michael Jackson’s New Video ‘Remembers The Time’ When Blacks Were Kings And Queens, Zeitschrift JET, Februar 1992, Jahrgang 81, Nummer 17, S. 57
  50. Stephen Howe: Wohl der gesamte Diskurs über amerikanischen Afrikanismus habe in der Populärkultur begonnen und finde dort seinen stärksten Ausdruck. Einige der heftigsten und kompliziertesten Debatten über kulturelle afrikanische Retentionen in der Neuen Welt hätten sich auf die Musik bezogen, insbesondere den Blues und den Jazz. Das Medium, durch das der Afrozentrismus den breitesten öffentlichen Widerhall hat, sei – abgesehen vielleicht von den erbitterten Medien-Streitigkeiten über seine Rolle in Schulen – die Rap-Musik. Einige prominente Rap-Gruppen hätten sich stark an verschiedenen afrozentrischen Strömungen ausgerichtet – auf sehr verschiedene Weise, vom aggressiven umgekehrten Rassismus Ice Cubes bis zu den idyllischen Visionen von afrikanischer Naturweidewirtschaft bei Arrested Development. Eine kleinere, aber dennoch bedeutende Zahl habe zu verschiedenen Zeiten die Farrakhan-Bewegung oder deren weniger starken Konkurrenten, die Five Percent Nation of Islam, befürwortet. Unter den bekannteren Namen der Rap- und Hip-Hop-Kultur, die solche Haltungen angenommen haben, seien Public Enemy, Ice Cube, Sister Souljah, Queen Latifah, Brand Nubian und Prince Akeem. Früher, als Jazz im „schwarzen“ Amerika eine populärere und mehr jugendorientierte Musik als heute war, mögen Beschwörungen von Afrika im Jazz eine ähnliche Rolle gespielt haben. Redakteure der Zeitschrift Public Culture hätten behauptet, dass Afrozentrismus nicht ohne den (verfilmten) Roman Roots von Alex Haley entstehen hätte können, denn nach Roots habe die akademische Version des Afrozentrismus gewissermaßen zu bereits Bekehrten gepredigt. Obwohl sich ihr kurzer Artikel dann mit einer Reihe höchst essentialistischer Aussagen in der Art von „Die schwarze öffentliche Sphäre ist …“ fortsetze, habe ihre Betonung der Bedeutung eines massenhaft verkauften Stückes populärer Literatur und seiner Fernseh-Adaption, die sich beide an einer vielleicht unangenehmen, aber symptomatischen Vermischung von Geschichte und Fiktion beteiligen, einiges für sich. – Es könne in den Bildern, die auf das alte Ägypten anspielen und in den gesamten 1960er und 1970er Jahren auf den Hüllen der Alben „schwarzer“ amerikanischer Musiker auftauchten, eine Kontinuität gesehen werden. Paul Gilroy habe behauptet, dass sich das als wichtiges Mittel für die Kommunikation pan-afrikanischer Ideen in einer anspielenden, populistischen Weise erwiesen habe. Interessanterweise präsentierten solche Bilder das alte Ägypten oft in einer Weise, die sein Fortbestehen mit den gegenwärtigen technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften betone. Gilroys neuere Schriften würden mittlerweile zu immer schärferer Kritik afrozentrischer Theorien tendieren, nicht zuletzt wegen deren uneingestandenem, aber hochgradigem nordamerikanischem Provinzialismus. (QUELLEN: Stephen Howe, Afrocentrism, 1999/1998, S. 108; Paul Gilroy, Small Acts, 1993, S. 241f.)
  51. Sun Ra änderte im Oktober 1952 bei einem Bezirksgericht seinen Namen zu Le Sony’r Ra und nannte sich dann als eine Art Abkürzung Sun Ra. (QUELLE: John F. Szwed, Space Is the Place, 1998/1997, S. 81, Kindle: 1582)
  52. Sun Ras Begeisterung für Ägypten begann, als er im Jahr 1922 als Achtjähriger die Fotos der zahlreichen Zeitungsberichte über die Entdeckung und die sich über längere Zeit hinziehende Öffnung des Grabes des Pharaos Tutanchamun mit der Entnahme der Mumie und zahlreicher Kunstgegenstände sah. Die damaligen Presseberichte lösten allgemein eine „Ägyptomanie“ aus. Sun Ra las schon in jungen Jahren, in denen er in Birmingham, Alabama, lebte, viel und kaufte sich in Chicago in Secondhand-Buchläden dann Unmengen von Büchern. Sein Interesse war ursprünglich zu einem erheblichen Teil auf die Bibel bezogen und er beschäftigte sich viel mit ihren afro-amerikanischen Interpretationen. Er ging auch oft in den Washington Park, einem „Zentrum für öffentliche schwarze Diskurse und politische sowie religiöse Anwerbung“. Dort sprach er auch selbst und stritt sich mit anderen. (QUELLE: John F. Szwed, Space Is the Place, 1998/1997, S. 62-73 und 78f., Kindle: 1201-1389 und 1490)
  53. Ekkehard Jost, der Von Freeman im Jahr 1976 interviewte: „Zu Anfang der 1950er Jahre, nach einer dreijährigen Zusammenarbeit mit Sun Ra, begann Von Freeman auf Free Lance-Basis mit allen möglichen Musikern der Chicagoer Szene zu spielen […].“ (QUELLE: Ekkehard Jost, Jazzmusiker, 1982, S. 213) – Freeman selbst sprach davon, dass er bereits in den 1940er Jahren bei Sun Ra spielte. (QUELLE: DVD-Dokumentarfilm Elements of One, aufgenommen 1996 bis 2002, von Eve-Marie Breglia, CHOD Productions)
  54. QUELLE: Steve Colemans Internetseite M-Base Ways, Blog/M-Blog Episode 10: “Who Would You Rather Be?”, Audio 2 im Abschnitt 18:15 bis 19:17 Minuten; M-Blog Episode 16: Egypt, Audio im Abschnitt 0:14:32 bis 0:23:07 Minuten; veröffentlicht 2014/2015, Internet-Adresse: http://m-base.net
  55. QUELLEN: Steve Colemans Internetseite M-Base Ways, Blog/M-Blog Episode 16: Egypt, Audio im Abschnitt 0:19:14 bis 0:21:57 Minuten; veröffentlicht 2014/2015, Internet-Adresse: http://m-base.net; von Thomas Stanley geführtes Interview mit Steve Coleman, Steve Coleman. The Order of Things, Juli 1998, Internet-Adresse: http://m-base.com/interviews/steve-coleman-the-order-of-things-by-thomas-stanley/, betreffende Stelle in eigener Übersetzung: Link
  56. Steve Coleman: In der Zeit des zweiten Weltkriegs hätten Musiker begonnen, sich als etwas anderes zu betrachten als Unterhalter. Häufig werde es so erklärt, dass sie anfingen, sich als Künstler zu betrachten. Sicherlich betrachteten sich manche Musiker als Künstler, verglichen sich mit klassischen Musikern und sagten, sie sollten überall dort spielen können, wo Beethoven oder andere angesehene Musiker spielen. Es habe viele Musiker gegeben, die das machten. Aber es habe auch einen Strom gegeben, der in das führte, was er eine sehr nicht-westliche Richtung nennt, und zwar hinsichtlich der Art, wie sie dachten. Das habe mit der Einführung verschiedener religiöser Systeme, wie dem Islam und so weiter, in die „schwarze“ Community zu tun gehabt. Es habe diese unterschiedlichen Strömungen im Denken schon immer gegeben, weit zurück, zum Beispiel die Anhänger von Marcus Garveys Ideen. Es habe immer schon dieses nicht-westliche Element in der „schwarzen“ Community gegeben, das tatsächlich aus Afrika, einer afrikanischen Sensibilität oder was auch immer kam. Das habe auch zum Ausprobieren verschiedener Arten spiritueller Praktiken aus anderen Gegenden geführt. Er glaube, dass Coltrane Teil all dessen war und dass Coltrane deshalb besonders interessant war, weil er eine nicht lokale Sicht auf diese gesamte Sache hatte, mehr einen kosmischen Überblick. Die meisten Musiker hätten es hingegen spezifisch in der „schwarzen“ Erfahrung in den USA lokalisiert und die sei sehr von der Sklaverei und all dem, was passierte, gefärbt. Er habe das auf seinen Reisen nach Afrika erkannt, nämlich dass „Schwarze“ hier [in den USA] sehr, sehr anders denken als sonst wo, und das sei in erster Linie wegen der Sklaverei und dieser Erfahrung so. Die Art der Sklaverei, die hier stattfand, habe die Art, wie „Schwarze“ in den USA denken, stark geformt. (QUELLE: Radiosendung Tell Me How Long Trane's Been Gone von Steve Rowland [Produzent] und Larry Abrams [Drehbuchautor] aus 2001, zweiter Teil [zweite Stunde], in den Abschnitten 35:22 bis 36:05 Minuten und 37:30 bis 38:25 Minuten; Rowland bietet diese insgesamt 5 Stunden dauernde Sendung auf seiner Internetseite als Download zum Kauf an, Internet-Adresse: https://www.artistowned.com/album_detail.cfm?albumid=53&artistid=159)
  57. Der Song-Text lautet in eigener Übersetzung: Der leise Wind des Lebens kann außer Reichweite von allem strömen, was wir kennen, so wie die Wasser des Nils durch das Land fließen. Unsere Kinder sterben. Die Zeit vergeht. Vor langer Zeit waren sie die Könige und Königinnen der Welt und doch wird ihre Zeit kommen, wenn der Geist des kreativen Gedankens obsiegt. Zyklen ebben und fluten jenseits von allem, was wir kennen.
  58. Steve Coleman: Die „schwarze“ Wissenschaft, auf die er sich mit dem Album-Titel Black Science bezog, sei die alt-ägyptische. (QUELLE: Steve Colemans Internetseite M-Base Ways, Blog/M-Blog Episode 21: Thomas Goodwin, Audio im Abschnitt 0:31:10 bis 0:31:15 Minuten, veröffentlicht 2014/2015, Internet-Adresse: http://m-base.net)
  59. Steve Coleman: Es gebe etwas, das er „intuitive Logik” nenne, und daran habe er lange Zeit gearbeitet. [René Adolphe] Schwaller de Lubicz [Okultist, Anhänger der Heiligen Geometrie und Ägyptologe] habe das die „Intelligenz des Herzens“ genannt. De Lubicz habe eine höher entwickelte Ausdrucksart gehabt, aber in Wahrheit sei es dasselbe, nämlich die Verschmelzung von Intuition und Logik. Er (Coleman) glaube nicht an diese Sache mit der linken und rechten Gehirnhälfte. (QUELLE: Steve Colemans Internetseite M-Base Ways, Blog/M-Blog Episode 16: Egypt, Audio im Abschnitt 0:12:02 bis 0:12:48 Minuten, veröffentlicht 2014/2015, Internet-Adresse: http://m-base.net)
  60. Bei allen Menschen und in allen Kulturen sind Gedanken stets mit Gefühlen und umgekehrt das Fühlen mit dem Denken verbunden. Keine Wissenschaft kommt ohne Intuition aus. Aber keine Aussage ist wissenschaftlich, wenn sie nicht auf verstandesmäßigen Schlussfolgerungen beruht, die von anderen Personen logisch nachvollzogen werden können. Empfundene Zusammenhänge, intuitive Vorstellungen oder subjektive Erfahrungen mögen interessant, unterhaltsam und inspirierend sein, aber ohne rein rationalen Beweis und Offenheit für Diskurs gibt es keine Wissenschaftlichkeit. Natürlich sind viele Ergebnisse der Wissenschaften fragwürdig, ihre Möglichkeiten, Phänomene zu erklären, sind beschränkt und menschliches Erleben geht weit über Vernunft hinaus, doch fehlt ein entscheidendes Element in einer zeitgemäßen Weltsicht, wenn der fundamentale Wert eines wissenschaftlichen Strebens nach Objektivität nicht erkannt wird. Dass sich möglichst rationale Methoden zumindest ein Stück weit gegenüber purem Glauben durchsetzen konnten (ursprünglich mit erheblichen persönlichen Opfern), ist ein enormer Fortschritt, den in Frage zu stellen, eine Verirrung ist. – Thomas Reinhardt: Der wertfreie, wissenschaftliche Zugang sei ein Produkt der Moderne und sei „unter teils gewaltigen persönlichen Opfern der theologisch begründeten Forschung und Lehre der frühen Neuzeit abgerungen“ worden. (QUELLE: Thomas Reinhardt, Geschichte des Afrozentrismus, 2007, S. 217f.)
  61. Album The Sonic Language of Myth
  62. Vijay Iyer: Steve Colemans Einfluss könne kaum überbewertet werden. Er habe mehr als eine Generation beeinflusst, so gut wie jeden seit John Coltrane. Es gehe dabei nicht bloß darum, dass man es auf die Reihe bekommt, über sieben oder elf Beats zu spielen. Was hinter seinem Einfluss stehe, sei der globale Blick auf die Musik und das Leben. Er habe einen Standpunkt für das, was er macht und warum er es macht. (QUELLE: Larry Blumenfeld, A Saxophonist's Reverberant Sound, Tageszeitung The Wall Street Journal, 11. Juni 2010, Online-Ausgabe, Internet-Adresse: http://www.wsj.com/articles/SB10001424052748703302604575294532527380178)

 

 

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