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Europäisches Metrum / Regulativer-Zeitpunkt


In der europäischen Konzertmusik ist das Metrum das grundlegende rhythmische Raster einer Komposition, das in der Notenschrift zu Beginn durch die Taktangabe festgelegt wird. Es gruppiert einige Schläge des Tactus (Grundschläge) zu einem Takt, der dann als grundlegendes Schema fortlaufend wiederholt wird, und es bestimmt, welche Schläge im Takt betont werden. Zum Beispiel wird durch die Angabe eines 4/4-Taktes folgendes Schema vorgegeben: 4 Schläge bilden einen Takt; der erste und der dritte Schlag werden betont („schwere“ Grundschläge, Downbeats); der erste Schlag jedes Taktes wird besonders betont (stärker als der dritte; Hierarchie von Betonungen). Wenn in der tatsächlich gespielten Musik ein anderer Schlag betont wird, als die Regeln des Metrums vorgeben, dann wird diese Verschiebung der Betonung als „Synkope“ bezeichnet.1)[+]

Auf viele außereuropäische Musiktraditionen ist dieses europäische Verständnis vom Metrum (vor allem die Betonungsregeln) nicht anwendbar. So ist es auch bei den rhythmischen Betonungen des Jazz nicht treffend, sie als eine große Anzahl von Synkopen (Off-Beat-Akzenten) zu verstehen.2)[+]

Der Charakter des europäischen Metrums ergab sich wohl dadurch, dass anhand von Notenschriften komponiert wurde, was Planmäßigkeit und hierarchisches Gliedern fördert. Kulturen, die Musik ohne Bezug zu einer Schrift gestalten, haben ein wenig andere Konzepte. So orientieren sich zum Beispiel die Musiker in west-afrikanischer Trommelmusik nicht (wie in der „westlichen“ Musik) an einem abstrakten Raster aus Zählzeiten, sondern an einem konstant bleibenden rhythmischen Muster (Pattern), das meistens auf einer Glocke gespielt wird.3)[+] Das Glocken-Muster ist selbst asymmetrisch, es markiert jedoch einen rhythmischen Schwerpunkt, eine Art Downbeat, der als „regulativer-Zeitpunkt“ (regulative time point, RTP) bezeichnet wird. Der Part jedes Musikers ist durch seine spezifische Beziehung zum „regulativen-Zeitpunkt“ (RTP) gekennzeichnet und wird dadurch im Zusammenspiel genau platziert.4)[+] Aus der RTP-Beziehung ergibt sich auch die Verteilung der Betonungen, sodass eine gewisse Ähnlichkeit zur Funktion des europäischen Metrums besteht - allerdings ohne jeden Bezug auf ein abstraktes, mathematisch konstruiertes Raster.5)[+] Charakteristischerweise werden die jeweiligen Beziehungen zum RTP auch nicht durch Zählen ausgedrückt, sondern mit Hilfe von Sprichwörtern oder einer Trommel-Sprache aus sinnlosen Silben. Tatsächlich haben (oder hatten zumindest ursprünglich) viele rhythmische Muster sprachliche Bedeutung.6)[+]

Da west-afrikanische Trommel-Rhythmen somit weniger hierarchisch angeordnete Regelmäßigkeiten aufweisen, werden sie von der Musikwissenschaft mitunter als metrisch „flach“ (ohne metrische „Tiefe“) bezeichnet.7) Das ist insofern irreführend, als diese Rhythmen gerade durch ein hoch komplexes Übereinanderschichten unterschiedlicher Pattern erzeugt werden, dem gegenüber jede europäische „klassische“ Musik in rhythmischer Hinsicht simpel und „flach“ wirkt.8)[+]

 

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  1. Näheres in Wikipedia: Link
  2. betreffende Stelle in Vijay Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  3. betreffende Stelle in Vijay Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  4. betreffende Stelle in Vijay Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  5. betreffende Stelle in Vijay Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  6. betreffende Stelle in Vijay Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  7. zum Beispiel von Martin Pfleiderer (QUELLE: Martin Pfleiderer, Rhythmus, 2006, S. 71f und 143f.
  8. betreffende Stelle in Vijay Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link

 

 

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