Überblick über verbundene Artikel

Groove-Studie


Der amerikanische Musiker Vijay Iyer (sprich: Witsché-i  Áijer) hat in seiner Dissertation1) im Rahmen seines Studiums der Neurowissenschaften 1998 versucht, das Wesen der Groove-Rhythmik aus einer sowohl neuro- als auch musikwissenschaftlichen Sicht zu erfassen.2)[+] Auch als Musiker verfügt Vijay Iyer über Einsichten in mehrere Bereiche, die ihm einen besonderen Weitblick verschaffen: Er spielte in jungen Jahren als Geiger europäische Konzertmusik und wurde ein viel beachteter Jazz-Pianist3), der auch mit anderen Formen afro-amerikanischer Musik (Funk, Hip-Hop) vertraut ist, sich mit west-afrikanischer Trommelmusik auseinandergesetzt hat und im Zusammenhang mit der Abstammung seiner Vorfahren aus Indien auch indische Musik kennt.

Vijay Iyer vertritt in seiner Dissertation eine neuere Sichtweise der Neurowissenschaften (Kognitionswissenschaft), die von „Embodiment“ (Verkörperung) spricht und damit Folgendes meint: Die geistigen Funktionen (Denken, allgemein: Kognition) werden stets von einem Körper hervorgebracht und sind daher stark von den körperlichen Bedingungen geprägt. Die Sinnes-Wahrnehmung und die Körper-Bewegung haben sich gemeinsam entwickelt und sind daher eng miteinander verbunden. Dazu kommen die Einflüsse der Umgebung, insbesondere auch der Kultur. Alles Geistige ist daher „situated“ – eingebettet in biologische (körperliche), psychologische und kulturelle Zusammenhänge.

Diese Sichtweise des „Embodiments“ bezieht Iyer auf die Musik: Sowohl das Musik-Machen als auch das Wahrnehmen von Musik sind eng mit körperlichen Aspekten und dem kulturellen Umfeld verbunden. Eine besondere Rolle spielt die körperliche Komponente in der Rhythmik west-afrikanischer und afro-amerikanischer Groove-Musik, deren grundlegenden Charakter Iyer zu erfassen versucht. Er bezieht dazu vielfältige Aspekte mit ein und stützt sich auf zahlreiche aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.

Zusammenfassend sagt Iyer: „Groove kann beschrieben (aber nicht definiert) werden als ein gleichförmiger Puls, der gemeinschaftlich durch eine Verzahnen von rhythmischen Einheiten erzeugt wird und der zum Tanzen bestimmt ist oder vom Tanz abgeleitet ist. Groove tendiert zu einem hohen Grad von Regelmäßigkeit, vermittelt aber auch ein Gefühl der Lebendigkeit. Der stetige Puls ist in Groove-Musik das hauptsächliche strukturelle Element, wobei er aber in einer komplexen, indirekten Form ausgedrückt werden kann. In Groove-Kontexten entfalten Musiker eine gesteigerte, scheinbar mikroskopische Sensitivität für das musikalische Timing (im Bereich von ein paar Millisekunden). - Groove schließt eine Betonung des Prozesses des Musik-Machens mit ein, weniger eine Betonung der Syntax. Der Schwerpunkt liegt weniger auf dem logischen Zusammenhang und den Noten selbst, sondern mehr auf der Spontaneität und der Art, WIE diese Noten gespielt werden. Groove betrifft die Belebung und Ausschmückung der Zeit, wie sie von den Musikern und dem Publikum gemeinsam erlebt wird. Das entspricht der funktionellen Rolle afrikanischer und afro-amerikanischer Musiken in deren Gemeinschaften.“4)[+]

Als häufige Merkmale west-afrikanischer und afro-amerikanischer Groove-Musik führt Iyer an5)[+][+]:

Auf Vijay Iyers Arbeit stützen sich mehrere Artikel dieser Internetseite zum Thema Groove. Seine Ausführungen werden im jeweiligen Zusammenhang näher dargestellt.

Vijay Iyers Dissertation: Link

Auszugsweise Übersetzung der Dissertation ins Deutsche: Vijay Iyers Dissertation

Vijay Iyers Homepage: Link

Versuche, das Phänomen des Swingens mithilfe der europäischen Musik-Theorie zu erklären, gibt es schon seit langem. Doch blieben ihre Ergebnisse wenig befriedigend. In der deutschsprachigen Jazz-Literatur finden sich solche Theorien bereits seit Ende der 1940er Jahre. Näheres dazu: Swing-Theorien

 

zurück zu Groove

Überblick über verbundene Artikel

 


——————————————————

Fußnoten können direkt im Artikel gelesen werden, wenn man mit der Maus den Pfeil über die Fußnoten-Zahl führt.

  1. im Internet veröffentlicht: siehe Link am Ende des Artikels
  2. Dass Groove zentrales Thema der Dissertation ist, ergibt sich unter anderem aus folgender Bemerkung in der Dissertation: „[…] Diese ein wenig unzureichende Beschreibung sollte nicht als eine Definition des Groove-Konzeptes betrachtet werden. In der Tat ist die Definition des Groove-Konzeptes – in gewisser Weise – das, wonach wir in dieser Arbeit suchen.“ (QUELLE: Link; von mir übersetzt)
  3. Iyer wurde von der amerikanischen Jazz Journalists Association sogar zum Jazz-Musiker des Jahres 2010 gewählt.
  4. Betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  5. Betreffende Stellen in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link, Link

 

 

 

Kontakt / Offenlegung