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Kampf-Kunst


Aufwühlende Trommel-Rhythmen und hitzige Stimmen in Ritualen von Naturvölkern, bedrohliche Klänge aus zentralasiatischen Langtrompeten bei frühgeschichtlichen Kriegszügen1), der beißende Spott in alten Wirtshaus-Liedern, das laute, düstere Pathos mächtiger Symphonie-Orchester, der unaufhaltsame Gleichschritt der Marsch-Kapellen bei Militär-Aufmärschen und genauso auf Volksfesten … Das kämpferische Element in der Musik scheint es überall und seit jeher zu geben. Kampf ist nun einmal ein zentrales Thema des Lebens – so gespalten unsere Beziehung zu ihm auch ist. In mancher Form belebt einen die Kraft, die er freisetzt, und allzu oft verletzt er auch. - Der Jazz drückt die verschiedenen Aspekte des Lebens offen, persönlich und in sehr lebhafter Weise aus und dementsprechend direkt ist auch sein Spiel mit dem kämpferischen Element. Da gibt es zum Beispiel das selbstbehaupterische Röhren des Tenor-Saxofonisten Ben Webster, der „The Brute“ (das Tier) genannt wurde; allerdings ist Webster auch für seine samtenen Töne berühmt. Es gibt im Jazz regelrecht gewaltsam wirkende Energie-Ausbrüche, in früheren Zeiten auch zur Schau gestellten Wettstreit („Battles“) und nicht nur Nähe zum Tanz, sondern auch Verbindungen zu Sport und Zwei-Kampf. Manches davon mag primitiv, naiv, sogar abstoßend erscheinen, aber es tritt zusammen mit inniger Kooperation, Beschwingtheit und bejahenswerter Vitalität in bunter Mischung auf, als Ausdruck der ganzen Palette des Lebens und auf der höheren Ebene der Musik, die von den persönlichen Musiker-Schicksalen und Niederungen ihres Ringens abstrahiert. So kann man etwa in Ben Websters rauen Tönen den herrischen Ausdruck eines Machos sehen oder aber auch den Überlebenswillen der afro-amerikanischen Minderheit und der Lebendigkeit und Menschlichkeit in einem selbst. Näheres zu dieser Vielschichtigkeit und Doppeldeutigkeit: Boxer und Heilige

Jazz-Improvisationen haben darüber hinaus aber oft in folgender besonderer Hinsicht Kampf-Charakter, ohne dass sie in irgendeiner Weise aggressiv wirken müssen: Die Improvisatoren treten als Einzelpersonen hervor und müssen sich mit ihrer Kunst in einer Situation bewähren, in der die Herausforderung (wenn auf hohem kreativem Niveau gespielt wird) auf die Spitze getrieben ist. Zwar sind Interpreten der „klassischen“ Konzertmusik keinem geringeren Leistungsdruck ausgesetzt und sie haben zudem nicht die Freiheiten und Selbstverwirklichungs-Möglichkeiten der Jazz-Musiker. Aber sie geben Einstudiertes möglichst perfekt wieder, während die Herausforderung im Jazz vor allem darin besteht, im jeweiligen Moment auf bestechende Weise spontan zu agieren. Natürlich brauchen Improvisatoren ein musikalisches „Vokabular“, das sie traumwandlerisch beherrschen, so wie Jäger und Kämpfer wie im Schlaf über ein Repertoire an Techniken verfügen und sich daher ganz auf die konkrete Situation konzentrieren können. Das Entscheidende ihrer Kunst ist ihre Geschicklichkeit im Moment – wie sie im dichten, groovenden Fluss der Rhythmen ihr Spiel treiben, kommunizieren, mit Unerwartetem überraschen und dabei Persönlichkeit sowie Anmut entwickeln.

In einem Film wird treffend gesagt: „Jazz-Musik ist sehr riskant, wenn Du gut spielst. Jazz ist anspruchsvoll. Viele Musiker nehmen ihn sehr, sehr ernst. Sie suchen darin die Gefahr. Sie riskieren ihr Leben. Sie tanzen. Sie leben auf einem Drahtseil.“2) Bassist Charlie Haden: „Wenn man Coleman Hawkins oder Thelonious Monk improvisieren hört oder Bud Powell, sie alle hatten in einer Dimension improvisiert, die ich ‚außerhalb aller Kategorien’ nenne. Sie spielen so frei und lassen sich so tief ein auf die Musik, ich nenne das ‚mit Haut und Haaren dabei sein’. Und genau das haben sie getan, sie waren bereit, ihr Leben dafür zu geben, ihr Leben aufzugeben, ihr Leben zu riskieren. Das ist so, als wärst du im Krieg an der vordersten Front.“3) Elvin Jones antwortete auf die Frage, wie es beim äußerst intensiven Zusammenspiel mit John Coltrane war: „Du musstest bereit sein, mit diesem Hurensohn zu sterben.“4)

Auch die Art der Gewandtheit, mit der die Improvisatoren in dieser riskanten Situation agieren, hat Parallelen zu einem Kampf: Das Improvisieren erfordert intelligentes Reagieren, taktisches Geschick, rasches Erfassen einer Vielzahl von Komponenten im Moment, kraftvollen Körpereinsatz, ein hoch entwickeltes Gespür für Bewegung, Rhythmus und Timing. Was dieses Agieren vor allem faszinierend macht, ist schließlich eine kaum beschreibbare, durch ihre sinnliche Unmittelbarkeit „magisch“ erscheinende Eigenschaft: Stil. Stil entsteht durch besondere Geschmeidigkeit der Bewegung in Verbindung mit bestechender Cleverness des Reagierens sowie eines ansprechenden individuellen Ausdrucks.

Der Alt-Saxofonist und Bandleader Steve Coleman stellte diese Aspekte in einem Artikel über die Verbindung von Jazz-Improvisation und Box-Sport (der im Gegensatz zur Musik wegen seiner Brutalität natürlich bedenklich ist) anschaulich dar: Link

In einem Film ist Coleman zu sehen, wie er versuchsweise tatsächlich Jazz-Improvisation und Boxen zusammenbrachte, indem er mit seinem Saxofon in einem Box-Klub zum Rhythmus der Schläge eines Boxers auf Trainingsgeräte improvisierte. Er erzählte in diesem Zusammenhang von der Bedeutung des Boxens in der afro-amerikanischen Community und vom engen Kontakt der Jazz-Musiker und Boxer in früheren Zeiten. Der ältere Schlagzeuger Roy Haynes habe ihm erzählt, dass „alle Musiker, Charlie Parker, all diese Leute“ am Boxen interessiert waren. Näheres: Box-Improvisation

In einem anderen Artikel beschrieb Coleman das Schlagzeug-Spiel von Max Roach in der Live-Aufnahme des Stückes „Ko-Ko“ mit dem Charlie-Parker-Quintett ebenfalls anhand von Box-Technik: Link

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  1. Alfons Michael Dauer schrieb über eine bestimmte Zusammenstellung von Musik-Instrumenten, in der Langtrompeten eine wesentliche Rolle spielten und die der herrschaftlichen Macht-Demonstration und auf Kriegszügen diente. Sie wurde wahrscheinlich von Zentral-Asien aus in viele Richtungen verbreitet, unter anderem nach Afrika und nach Europa, wo diese Besetzung den ursprünglichen Kern der heutigen Symphonie-Orchester bildete. Besonders die Langtrompeten wurden mit den Schrecken der Sarazenen, die sie mitbrachten, verbunden. (QUELLE: Alfons Michael Dauer, Tradition afrikanischer Blasorchester und Entstehung des Jazz, 1985, S. 58)
  2. QUELLE: Das sagt ein Filme-Macher im Film Jazz von Ken Burns, dtsch., Episode 9, Abschnitt The Dope
  3. QUELLE: Film Jazz von Ken Burns, dtsch., Episode 11, Abschnitt Free Jazz
  4. QUELLE: Film Jazz von Ken Burns, dtsch., Episode 11, Abschnitt Opening Titles

 


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