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Puls


Der Swing - das ist der Drumbeat, das ist unsere Kirche, unsere Kultur, das sind wir.1) (Betty Carter)

Wenn ein Rhythmus „in die Beine geht“, dann hat man in seinen Puls (Beat) innerlich einkuppelt.2) Dazu lädt Groove ein und er macht das Mitschwingen zu einem anregenden, lustvollen Erlebnis. Groove-Musik beruht somit auf einem „menschlichen, stetigen Puls“ - er bildet ihr wichtigstes strukturelles Element.3)[+][+]

Das Gefühl für den Puls geht auf frühe, allgemein-menschliche Erfahrungen zurück: Als Ungeborenes hörten wir das Herz der Mutter schlagen und fühlten ihren Puls im eigenen Körper. Auch noch nach der Geburt empfinden es Babys als wohltuend, an der Brust der Mutter ihren Herzschlag zu hören. Der Herzschlag ist das ursprünglichste Element der Musik und in seinem Frequenzbereich liegt der grundlegende Puls (Tactus oder Grundschlag) der meisten rhythmischen Musik. Dem Puls des Herzens entspricht ungefähr der Rhythmus des Gehens, sodass der Tactus nicht nur an den Herzschlag erinnert, sondern auch an das Gehen und Laufen. Der Rhythmus geht „in die Beine“ und der Beat wird im Jazz häufig von einem so genannten „Walking Bass“ gespielt. - Wenn Hörer in Experimenten gebeten werden, zu einer Musik zu klopfen, so wählen sie meistens einen Rhythmus im Bereich des Tactus. Auch wenn sie ohne Musik spontan einen Rhythmus klopfen sollen, klopfen sie in der Regel im Bereich des Tactus.4)[+] Näheres zu ursprünglichen Musik-Elementen: Musik-Ursprünge

Ein bloßer Puls ist aber noch keine Musik. Damit er als Groove erlebt wird, muss er auf ansprechende Weise ausgeschmückt und umspielt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Überlagerung des Tactus durch einen oder mehrere schnellere Pulse, die den Tactus unterteilen, sodass zum Beispiel je 4 Schritte des schnellen Pulses einen Schritt des Tactus bilden. Die Wahrnehmung der schnellen Pulse funktioniert neurologisch anders als beim Tactus und das wirkt sich so aus: Beim Tactus hat man ein Gefühl für die Dauer jedes einzelnen Schrittes, bei den schnellen (Sub-Tactus-)Pulsen empfindet man die Dauer der Schritte nicht, sondern nimmt nur ihre Struktur (zum Beispiel ihre Zweier- oder Dreier-Gruppierung und ihre Akzente) wahr. Der Sinn für die Regelmäßigkeit des Rhythmus ist bei schnellen Pulsen stärker als bei langsamen und ein hoher Grad an Regelmäßigkeit ist für die Kunst des Timings erforderlich, die den subtilen Ausdruck des Grooves hervorbringt.5)[+][+] Näheres zum Timing: Timing

Nach Vijay Iyers Erfahrung als Musiker ist Groove leichter erreichbar, wenn sich die Mitglieder eines Ensembles gemeinsam auf die fortlaufenden kleinen Untergliederungen des Tactus (auf einen schnellen Puls) konzentrieren - gleichgültig, ob entsprechend schnelle Tonfolgen tatsächlich gespielt werden oder die Unterteilungen nur gefühlt werden. Der Trommel-Meister C.K. Ladzekpo aus Ghana lehrte, die abstrakten, fortlaufenden rhythmischen Untergliederungen als ein ständiges Reservoir für rhythmische Intensität zu fühlen - als eine schnelle, dynamische, unablässige Bewegung.6)[+]

Eine besondere Rolle für das Timing spielt möglicherweise der schnellste Puls, der den Tactus in die kleinsten Schritte untergliedert, die noch als musikalisch sinnvoll wahrgenommen werden. Sie bilden eine Art „zeitliches Atom“, liegen etwa im Bereich der 16-tel-Noten, Triolen oder ähnlich kleiner Notenwerte und werden manchmal als „Tatums“ bezeichnet (zu Ehren des brillanten Jazz-Pianisten Art Tatum).7)[+]

Der Tactus wird aber nicht nur unterteilt, sondern es werden auch mehrere Schritte des Tactus zu größeren Zyklen zusammengefasst, die das „Metrum“ bilden. So entstehen verschiedene rhythmische Schichten (Tactus, Unterteilungen, Metrum), die in einem spannungsvollen Verhältnis zueinander stehen und die die unterschiedlichen Ebenen der menschlichen Rhythmus-Wahrnehmung auf umfassende Weise ansprechen.
Näheres: Rhythmus-Wahrnehmung

Eine weitere Möglichkeit, den grundlegenden Puls (Tactus) in einer anregenden Weise auszudrücken, besteht darin, ihn gerade nicht zu spielen, sondern ihn auf indirekte Weise darzustellen. Die mit der Musik vertrauten Musiker und Hörer empfinden dann den Puls und orientieren sich an ihm, obwohl er in der Musik nicht tatsächlich erklingt.8)[+] – Schließlich kommen mitunter auch unregelmäßige Pulse vor, bei denen sich laufend lange und kurze Beats nach einem bestimmten Muster abwechseln (z.B. in osteuropäischer, griechischer und mittel-östlicher Volks-Musik sowie in süd-indischer klassischer Musik).9)[+]

 

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  1. QUELLE: Christian Broecking, Der Marsalis-Faktor, 1995, S. 49
  2. Im Nervensystem sorgen ein oder mehrere Taktgeber dafür, dass man zu rhythmischen Bewegungen und wohl überhaupt zu einer zeitlichen Koordinierung der Bewegungen in der Lage ist. „Man geht davon aus, dass ein äußerer Rhythmus uns deswegen so leicht bewegen kann, da er einen inneren, bereits vorhandenen Rhythmus lediglich zu synchronisieren braucht.“ (Manfred Spitzer, Musik im Kopf, 2002, S. 213). Der innere Taktgeber kuppelt also in den äußeren Rhythmus ein. „Dies hat unter anderem die Möglichkeit zur Folge, dass eine ganze Gruppe rhythmisch aktiv sein kann. Gruppentänze sind daher eine sehr unmittelbare und körperliche Form von Gemeinschaft.“ (QUELLE: Manfred Spitzer, Musik im Kopf, 2002, S. 213)
  3. betreffende Stellen in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link, Link
  4. betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  5. betreffende Stellen in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link, Link
  6. betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  7. betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  8. John Miller Chernoff: „Wir fangen an, afrikanische Musik zu ‚verstehen’, sobald wir in der Lage sind, im Kopf oder mit dem Körper zusätzlich zu den Rhythmen, die wir hören, einen eigenen Rhythmus zu empfinden.“ Dieser eigene Rhythmus biete dem Hörer eine Orientierungsmöglichkeit, ein festes „Halteseil” in der rhythmischen Vielfalt. Richard Waterman habe diese Wahrnehmungsfähigkeit als „Metronom-Sinn” bezeichnet und darüber Folgendes gesagt: „Für den Hörer hat der Metronom-Sinn zur Folge, dass man jede Musik so wahrnimmt, als sei sie in einen imaginären Rahmen aus zeitgleichen Schlägen eingebaut und als arbeite sie in Form erkennbarer oder zurückgehaltener Bewegungsmuster mit den Schlägen des rhythmischen Grundmusters zusammen, ganz unabhängig davon, ob die Schläge durch wirkliche Töne hörbar gemacht werden oder nicht. Das heißt aber, dass wir afrikanische Musik, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als Tanzmusik verstehen müssen, selbst wenn der Tanz nur innerlich stattfindet.“ (QUELLE: John Miller Chernoff, Rhythmen der Gemeinschaft, 1994, S. 72). --- John Miller Chernoff: „Lehrer afrikanischer Musik halten ihre Schüler davon ab, mit dem Fuß zu wippen, weil Anfänger oft versuchen, einen Hauptschlag zu finden, der die rhythmische Spannung und den Konflikt in der Musik beseitigt. Afrikanische Trommel-Lehrer fürchten, dass ihre Schüler eine Zeiteinteilung suchen, die sich an ihrem eigenen Rhythmus orientiert und nicht an dem unhörbaren Metrum.” (QUELLE: John Miller Chernoff, Rhythmen der Gemeinschaft, 1994, S. 74) --- Vijay Iyer: „Waterman (1952) betont auch die Wichtigkeit des subjektiven Beats in afrikanischer Musik, des zugrunde liegenden Pulses, der nicht notwendigerweise wirklich geschlagen werden muss. Er sagt, dass das Verständnis afrikanischer Musik einen metronomischen Sinn erfordert.” - Iyer weiters über Musik aus Ghana: Das Glocken-Muster biete „die konsistenteste Darstellung des Pulses und seiner Organisation. [...] So wird der Haupt-Beat und seine metrische Gruppierung in einer ziemlich indirekten Weise artikuliert.” (betreffende Stelle in Iyers Dissertation, von mir übersetzt: Link)
  9. betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link

 

 

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