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Timing


„Eine der interessantesten musikalischen Offenbarungen, die ich in meinem Leben erfahren habe, erlebte ich im Laufe der letzten Jahre durch das Studium des westafrikanischen ‚Tanz-Trommelns1) und durch das Spielen von Jazz, Hip-Hop und Funk. Die Offenbarung war, dass das simpelste sich wiederholende musikalische Muster mit einem Universum von Ausdruck getränkt sein kann. Ich habe oft miterlebt, wie der Perkussionist und Lehrer C.K. Ladzekpo aus Ghana die Musik unterbrach, um seine Studenten zu schelten, weil sie ihre Parts ohne Emotion gespielt haben. Man mag sich fragen, wie viel Emotion man auf einer einzelnen Trommel übermitteln kann, deren Tonumfang, Klangfarbe und eigene rhythmische Darstellung so begrenzt sind, dass die einzigen beiden Elemente, die einem zur Verfügung stehen, Intensität und Timing sind. Dennoch wurde ich davon überzeugt, dass gerade mit diesen beiden Elementen eine Menge ausgedrückt werden kann.“ (Vijay Iyer)2)[+]


Beim Timing geht es darum, wann genau die einzelnen Töne einsetzen (exakt im Rhythmus, eine Spur früher oder später) – also um die zeitliche Platzierung der Töne im Ablauf der Musik. Man kann das Timing mit elektronischen Geräten bis in den Bereich von Millisekunden genau messen und stellt fest: Sowohl ein maschinenartig exaktes Timing als auch ein beliebig ungenaues Timing wirken nicht musikalisch ansprechend. Eine wesentliche Kunst in Groove-Musik besteht darin, durch sehr subtile Abweichungen vom gleichmäßigen Puls einen reichhaltigen Ausdruck zu erreichen - wofür ein hoch entwickeltes Rhythmusgefühl erforderlich ist.3)[+]

Vijay Iyer: „Es ist kein Zufall, dass das Gespür für den Rhythmus als ‚Feeling’ bezeichnet wird. Es ist eine gewisse Art der Aufmerksamkeit erforderlich, um dieses ‚körperliche’ [embodied] Gespür für Groove zu erreichen. Nach der Auffassung vieler Musiker kann dieses Gespür verschwinden, wenn man versucht, es zu untersuchen. Musiker erklären oft einander, dass man über Rhythmus ‚nicht zu viel nachdenken’ soll. Sie meinen damit offensichtlich das symbolische Analysieren in Zahlen oder Worten. Vielmehr ist ein feines Rhythmus-Gespür eine Fähigkeit, die sich im Laufe der Zeit gewöhnlich durch eine aufmerksame, aber unabsichtliche Weise entwickelt. Letztlich haftet dem Rhythmus-Erleben und dem Rhythmus-Spielen eine beträchtliche Menge an Unerklärlichem an.“4)[+]

Die Leitlinie für das Timing ist stets ein Puls, der im Tempo sehr konstant gehalten wird. Die engmaschigen Unterteilungen des grundlegenden Pulses (Tactus5)) durch schnellere Pulse (vor allem durch den Puls der Tatums6)) schärfen das Gespür für die Regelmäßigkeit des Rhythmus. Durch vielfältige winzige (mikrotonale) Verschiebungen gegenüber dem präzisen Puls („Mikrotiming“) und durch subtile Akzente bringen Meister des Grooves einen reichhaltigen rhythmischen Ausdruck hervor.

Dieser rhythmische Ausdruck, der auf subtilem Timing beruht, ist in der Groove-Musik genauso wichtig wie etwa die Klangfarbe, Tonlage oder Lautstärke. Er verleiht der Musik einen eigenen Charakter, eine eigene Ästhetik und verlangt eine eigene Art des musikalischen Gespürs. Dieses Gespür ist eng mit Bewegungsgefühl verbunden und dem entspricht, dass Groove-Musik seinem Wesen nach Tanz-Musik ist oder von ihr abgeleitet wurde.

Vijay Iyer stellt in seiner Dissertation folgende typische Formen des „Mikrotimings“ dar und erläutert ihre Funktion:

Asynchronie: Wenn ein Perkussionsinstrument mit einer „flame“ (Flamme), das heißt geringfügig asynchron (ca. 30 Millisekunden) angeschlagen wird, dann tritt es aus dem Gesamtklang der Musik hervor. Das ist in Groove-Musik häufig erwünscht, denn in ihr wird meist die kontrastierende Vielfalt der Klangfarben der Instrumente geschätzt (heterogenes Sound-Ideal), weniger ein Verschmelzen der Klänge. Die Vielfalt repräsentiert die am Zusammenspiel beteiligten Individuen.

Streaming: Ein geschicktes Spiel mit geringfügiger Asynchronie kann wesentlich zum „Streaming” beitragen, das heißt zur Herausbildung voneinander unterscheidbarer „Stimmen“ der Instrumente.7)[+] Das ist besonders für die Wahrnehmung des Spiels ähnlich klingender Instrumente bedeutend – gerade in einer Musik, die zum „Ausfüllen des musikalischen Raums“ tendiert, zugleich aber individuelle Stimmen schätzt.

Spreading: Die feinen Abweichungen von einer maschinenartigen Exaktheit, die bei einem ungezwungenen Spiel zwangsläufig entstehen, drücken die natürlichen Körperbewegungen des Musizierens aus. Sie vermitteln die Bewegungen in einer Art musikalischer Verschlüsselung und spielen deshalb in einer Musik, die auf das Bewegungsgefühl zielt, eine große Rolle.

Swing: Iyer erläutert die relativ starke rhythmische Verschiebung der Töne beim typischen Swing-Noten-Paar, die sie in einen Graubereich zwischen einer Zwei- und einer Dreiteilung („binär“, „ternär“) bringen. Er erklärt auch den Zweck dieser Verschiebung für die Rhythmus-Wahrnehmung: Sie fördert die Wahrnehmung des Haupt-Pulses.

Backbeat: Der Backbeat ist mit dem Rock’n Roll in die populäre Musik gelangt und bis heute weit verbreitet. Er erscheint als eine aktuelle Form des ältesten in Nordamerika erhalten gebliebenen Rituals afro-amerikanischer Musik: des „Ring-Shouts“, bei dem der Beat durch Aufstampfen mit dem Fuß und Händeklatschen erzeugt wird und bei dem Rhythmus, Gesang und Tanz in einem sehr ursprünglichen Spiel verschmelzen.Die winzige Back-Beat-Verzögerung drückt auf subtile Weise die Verteilung des Rhythmus auf Hand- und Fußbewegungen aus.

Näheres in Iyers Dissertation8): Link

Iyer beschreibt dann auch 2 Passagen aus Aufnahmen von Thelonious Monk und Ahmed Jamal als eindrucksvolle Beispiele für Timing9): Link


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Fußnoten können direkt im Artikel gelesen werden, wenn man mit der Maus den Pfeil über die Fußnoten-Zahl führt.
  1. Bezeichnung für Musik in der Sprache des Trommellehrers C.K. Ladzekpo aus Ghana
  2. betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  3. betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  4. betreffende Stelle in Iyers Dissertation (von mir übersetzt): Link
  5. zu diesem Begriff: siehe Artikel Puls in Groove
  6. zu diesem Begriff: siehe Artikel Puls in Groove
  7. Näheres: Link
  8. von mir übersetzt
  9. von mir übersetzt

 

 

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