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Jazz ist ...


… zunächst einmal die Musik von Louis Armstrong, Charlie Parker, Miles Davis und John Coltrane - sie sind als Leitfiguren nach wie vor allgegenwärtig.

Ihre faszinierende Wirkung ebenfalls bewahrt haben:
- die farbenprächtigen musikalischen Gemälde Duke Ellingtons,
- der unwiderstehliche Swing der Big-Band von Count Basie mit dem Tenor-Saxofonisten Lester Young,
- die nach wie vor unübertroffene Brillanz des Pianisten Art Tatum,
- die moderne Schrägheit und doch bestechende Stimmigkeit der Musik des Pianisten Thelonious Monk,
- die musikalischen Erzählungen voller Improvisationskunst des Tenorsaxofonisten Sonny Rollins,
- und viele weitere Beiträge der Jazztradition.

 

Vielfalt und Offenheit

Schon in ihrer Entstehungszeit in New Orleans (um 1900) war die Musik, die man später als „Jazz“ bezeichnete, keineswegs klar abgegrenzt von anderen Stilen. Die Übergänge zum Ragtime waren fließend und die Bands hatten meist ein Sammelsurium verschiedener Formen von Unterhaltungsmusik in ihrem Repertoire. Sie passten sich an den unterschiedlichen Musikbedarf an, je nachdem, ob sie für Feste, Picknicks, Paraden, Beerdigungen oder in Kneipen spielten.3) Später übernahmen New Yorker Tanzorchester Elemente des New-Orleans-Jazz und entwickelten daraus den Big-Band-„Swing“, der mit Hilfe des Radios und der Schallplatte zur international verbreiteten Tanz- und Unterhaltungsmusik wurde. Als „Bebop“ wurde der Jazz für konzentrierte Zuhörer zur „großen Kunst“, die zugleich die Intensität des Blues und die swingende Lässigkeit bewahrte. Der „Free Jazz“ führte zu sehr speziellen Formen des Musikgenusses – mitunter nahe an „moderner Kunst“, während sich der „Rock Jazz“ („Fusion Music“) der 1970er Jahre an ein großes Publikum wandte, das mit Rockmusik vertraut war. Der Trompeter Wynton Marsalis präsentierte den Jazz ab Anfang der 1990er Jahre hingegen als klassische Musik Amerikas auf eine Weise, die den Aufführungen der europäischen Klassik nahe kommt.

Das sind jedoch nur einige (plakativ dargestellte) Beispiele für das breite stilistische Spektrum, das der Jazz in seiner raschen Entwicklung entfaltet hat. Immer wieder brachten junge Musiker, die von der Musiktradition des Jazz fasziniert waren, eigene Formen von Jazz hervor, indem sie neue Ausdrucksmöglichkeiten nutzten, und so sorgten sie dafür, dass Jazz von unterschiedlichen Musiker- und Hörergruppen als aktueller Ausdruck ihres Lebensgefühls empfunden wurde. Dabei entstanden Mischungen mit vielen anderen Musikarten und somit auch Varianten, deren Jazzcharakter umstritten ist. Selbst Louis Armstrong, Charlie Parker, Miles Davis und John Coltranel führten ihre Musik zum Teil in Richtungen, die sich in den Augen mancher vom Wesen des Jazz entfernten:

Musiker, die sich nicht damit begnügen, bestehende Stile zu beherrschen, sondern einen eigenständigen Beitrag leisten wollen, verwehren sich seit jeher dagegen, „in eine kleine Box gesperrt [zu] werden, auf der Jazz steht“ (Saxofonist Wayne Shorter)11). Bereits einige Aufnahmen der 1950er Jahre (zum Beispiel von Cecil Taylor) klingen so verschieden von den ersten Jazz-Aufnahmen aus der Zeit um 1920, dass sich ein Außenstehender kaum vorstellen kann, dass es sich dabei um die selbe Musikart handeln soll. In den folgenden Jahrzehnten wurde die stilistische Bandbreite noch mehr erweitert, wobei auch ältere Stile weiterhin gepflegt wurden, sodass sich ein vielfältiges Nebeneinander mit zahlreichen Überschneidungen ergab.

 

Beliebiges Etikett

Als „Jazz“ wurde ursprünglich eine verrückte Tanzmusikmode bezeichnet, die auf Spielweisen der verachteten afro-amerikanischen Minderheit beruhte und Ende der 1910er Jahre durch Schallplatten verbreitet wurde. Durch die Beiträge von Musikern wie Louis Armstrong und Duke Ellington wurde Jazz dann für manche Musikinteressierte zur herausragenden kulturellen Leistung und einige begannen, sich für seine öffentliche Anerkennung einzusetzen, was nur langsam und nur beschränkt gelang. „Jazz“ blieb stets auch eine Schublade des Musikmarktes, in die ziemlich beliebig einsortiert und nach kommerziellen Kriterien nach vorne gereiht wird. Die Jazzkritik ist zu einem erheblichen Teil von Marktinteressen abhängig sowie von persönlichen Vorlieben geleitet und lief häufig in Richtungen, die später korrigiert werden mussten. Ihre Aufgabe, die bedeutenden Beiträge herauszufiltern, wurde durch die zunehmende Vielfalt der nebeneinander bestehenden Stile, Szenen und Ansichten immer schwieriger. Bereits die Innovationen der 1960er Jahre ergaben sehr widersprüchliche Auffassungen davon, worauf es im Jazz ankommt, welche Entwicklungen richtungsweisend sind und welche neu hinzugekommenen Musiker als bedeutend anzusehen sind. Für die nachfolgenden Jahrzehnte gelang eine allgemein akzeptierte Beantwortung dieser Fragen kaum mehr. Zu „unübersichtlich“ war der Jazz aufgrund der laufenden (globalen) Erweiterung seines Spektrums geworden. Ohne Vorstellung von seinem Wesen und ohne entsprechende Qualitätskriterien ist es aber nicht möglich, in der Flut ständig neuer Musikproduktionen Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und entsprechend hervorzuheben.

 

Die längst erfolgte Definition

Geht man von einer Wertschätzung für die Meister der Jazztradition aus, dann lässt sich der Jazz auch heute als eine Musikart mit eigenen, besonderen Qualitäten verstehen, und zwar ohne bloß rückwärtsgerichtete Sicht: Entscheidend ist dafür, dass man sich nicht so sehr an den konkreten Stilformen der alten Meister orientiert (etwa an der typischen swingenden Spielweise oder der Verwendung von Blues-Elementen), sondern nach den grundlegenden Qualitäten fragt, die ihrer Musik ihre spezielle, faszinierende Wirkung verleihen. Die oben angeführten Meisterwerke bilden dafür die Ausgangsbasis. Sie haben gemeinsame, grundlegende Eigenschaften, anhand derer das Wesen der Jazztradition umschrieben werden kann. Von dieser Tradition ausgehend können dann die vielfältigen weiteren Jazz-Entwicklungen betrachtet werden: Inwieweit bringen sie die Jazz-Qualitäten in neuer, eigener Form hervor? In welche Richtung und wie weit entfernen sie sich von der Tradition? Welche Charakteristika der Tradition werden hervorgehoben, zurückgedrängt oder abgewandelt? - So ergibt sich ein flexibles Jazz-Verständnis, das nach allen Seiten offen ist, aber doch einen stabilen Kern hat: die grundlegenden Qualitäten der Meisterwerke der Jazztradition. Sie haben den Jazz längst definiert – mit viel Freiraum für neue Beiträge und Erweiterungen.

 

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  1. vor allem die Alben A Love Supreme, Crescent, Live At Birdland, Village Vanguard Recordings 1961, My Favorite Things und Giant Steps
  2. Wenn die Startseite nicht bereits geöffnet ist: Link
  3. Die damaligen Musiker waren „auf kein bestimmtes Genre festgelegt, sondern machten, was noch heute auf den Visitenkarten der Musiker in New Orleans steht: Musik für jeden Anlass (music for all occasions).“ (QUELLE: Ekkehard Jost, Sozialgeschichte des Jazz, 2003, S. 47)
  4. Miles Davis: „Ich liebte Louis [Armstrong] als Trompeter, aber ich hasste die Grinserei, die er vor diesen schlappen Weißen abzog. Mann, ich wurde richtig wütend, wenn ich ihn so sah, denn eigentlich war Louis hip, hatte ein schwarzes Bewusstsein und war ein netter Mann. Aber die Leute kennen nur den schwarzen Grinser von der Mattscheibe.“ (QUELLE: Miles Davis, Die Autobiographie, 1993, S. 374) --- Dizzy Gillespie: „Das [„Plantagenimage“] konnten wir an Louis Armstrong nicht leiden, und wenn jemand zur Sprache brachte, wie Louis sich auf der Bühne verhielt, mit seinem weißen Taschentuch herumspielte und dem weißen Rassismus mitten ins Gesicht grinste, zögerte ich nie, zu sagen, dass mir das nicht gefiel. Ich wollte nicht, dass die Weißen von mir Dinge erwarteten, die Louis Armstrong tat. Zum Teufel, ich hatte meine eigene Art von „Tomming“. Seit den Zeiten der Sklaverei hat jede Negergeneration ihre eigenen Methoden des „Tommings“ entwickelt, um sich einer grundsätzlich ungerechten Situation anzupassen. […] Erst viel später lernte ich Louis Armstrongs Verhalten auf der Bühne verstehen. Er wollte sich durch absolut nichts, nicht einmal durch seinen Zorn über den Rassismus, seine Freude am Leben und sein großartiges Lachen vermiesen lassen. Ich kam aus einer jüngeren Generation und hatte das falsch verstanden.“ (QUELLE: Dizzy Gillespie, To Be Or Not To Bop, Memoiren, dtsch., 1984, S. 238) --- Der Ausdruck “Tomming” meint das Spielen einer unterwürfigen Rolle gegenüber dem Rassismus – wie die Figur “Onkel Tom” im Roman Onkel Toms Hütte, der in den USA heftig kritisiert wurde, weil er die Sklaven als zu unterwürfig darstellt.
  5. Einen der größten Publikums-Erfolge hatte Armstrong mit der Aufnahme des Musical-Songs Hello Dolly (1963), mit dem er in den Charts die Beatles vom ersten Platz verdrängte. Vor der Aufnahme dieses Songs soll Armstrong gefragt haben: „Wollt ihr wirklich, dass ich diesen Quatsch aufnehme?“ Armstrong litt damals bereits unter einem bedrohlichen Herzleiden, das Folge des jahrzehntelangen Trompetenspiels war, und verlegte sich daher zunehmend mehr auf das Singen. (QUELLE: Abbi Hübner, Louis Armstrong, 1994, S. 91 und 105f).
  6. QUELLE: Ian Carr, Digby Fairweather und Brian Priestly, Rough Guide, Jazz, dtsch. 2004, S. 524
  7. QUELLE: Joachim-Ernst Berendt, Das Jazzbuch, 1989, S. 133 --- Parkers Solo im Stück Just Friends gilt als meisterhaft, die restlichen Stücke als „etwas zu angepasst“ (QUELLE: Ian Carr, Digby Fairweather und Brian Priestly, Rough Guide, Jazz, dtsch. 2004, S. 524; Peter Niklas Wilson, Ulfert Goeman, Charlie Parker, 1988, S. 112)
  8. Spitzname von Charlie Parker
  9. Dizzy Gillespie
  10. QUELLE: Miles Davis, Die Autobiographie, 1993, S. 143
  11. QUELLE: Wayne Shorter, zitiert in: Christian Broecking, Herbie Hancock, Interviews, 2010, S. 38

 

 

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