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Steve Coleman über „Don't tune up too much, baby - you'll lose your soul!”


Steve Coleman führte auf seiner Facebook-Internetseite die Aufforderung des Tenor-Saxofonisten Von Freeman, nicht zu viel zu stimmen, als eine seiner Lieblingsaussagen von Musikern an. Im Internetforum Steve Coleman Archives Forum wurde er gefragt, was Freeman damit meinte, und Coleman antwortete mit folgenden Ausführungen:

„Das Konzept der Tonhöhentoleranz (das heißt, wie eng oder weit die Auffassung von der Tonhöhe ist) ist zwischen den verschiedenen Traditionen und sogar innerhalb derselben Tradition zwischen verschiedenen Zeiträumen unterschiedlich. Das hat alles mit dem Orb oder dem Einfluss-Bereich einer Tonhöhe zu tun. Ein Orb ist ein Bereich des Interesses, des Einflusses oder der Aktivität. Ich betrachte es als ein Fenster, innerhalb dessen von einem Einfluss gesagt wird, dass er effektiv ist oder in Kraft ist. Dasselbe gilt für Tonhöhen. Musiker spielen normalerweise nicht die exakten, von der Wissenschaft definierten Tonhöhen. Wenn A=440 Hz der Tonhöhen-Standard einer bestimmten Gemeinschaft von Musikern ist und ein Musiker in einer Aufführung die Tonhöhe A (über dem mittleren C) spielt, dann ist es fast sicher kein A mit 440 Hz, das er spielt, sondern etwas, das einem A mit 440 Hz nahe kommt, nahe genug, damit die Gruppe der Musiker die Tonhöhe noch A nennt. Es mag ein wenig über oder unter dem definierten A liegen. Die Frage ist, wie weit eine Tonhöhe über oder unter einem A mit 440 Hz sein kann, bevor sie als eine andere Tonhöhe bezeichnet wird. Das ist es, was ich Orb nenne. Dasselbe Konzept besteht beim Rhythmus und es besteht auch in der Astrologie. Die Wikipedia-Definition von einem astrologischen Orb ist: In der Astrologie ist der Orb, wie sehr ein Winkel, der von zwei Punkten gebildet wird, von der Exaktheit eines Aspekts abweicht. Ein Trigon beträgt zum Beispiel 120 Grad. Wenn 2 Punkte 123 Grad auseinander liegen, dann würde von ihnen gesagt werden, dass sie in einem Trigon mit einem Orb von 3 Grad liegen. Es gilt in astrologischen Beschreibungen im Allgemeinen, dass die Wirkung eines Aspekts umso weniger kräftig ist, je größer der Orb ist. – Astrologen würden also sagen, dass 123 Grad noch innerhalb des Orbs eines Trigons sind. Dieses Konzept existiert überall in der Natur und bei von Menschen gemachten Dingen. Wie weit muss sich eine Sprache von dem, was als korrektes Englisch betrachtet wird, entfernen, damit sie nicht mehr als Englisch betrachtet wird?

Um also Deine Frage zu beantworten: Von [Freeman] sagte mir das, nachdem er mich zum Spielen eingeladen und ich den Pianisten (John Young, einen Musiker, der mit Von aufgewachsen war) gebeten hatte, den A-Ton zu spielen, worauf ich begann, mein Saxofon zu stimmen. Und ich brauchte dafür eine ganze Weile, haha. Als ich also fortfuhr und fortfuhr, schaute Von zu mir und sagte: Stimm‘ nicht zu viel, Baby – Du wirst Deine Seele verlieren! Und damals dachte ich mir so etwas wie: Wovon redet dieser alte Mann da? Ich hatte keinen Anhaltspunkt dafür, was er sagte. Ich hatte auf der High-School (wenige Jahre zuvor) gelernt, dass man vor dem Spielen immer stimmen soll und sich bemühen soll, so gestimmt wie nur möglich zu sein. Im Laufe der Zeit fiel mir jedoch auf, dass ich die Musiker aus der Ära von Von Freeman, Sonny Stitt und so weiter nicht ein einziges Mal stimmen gesehen habe, zumindest nicht die afro-amerikanischen Musiker. Sie stimmten (das heißt sie passten die Tonhöhe ihres Instruments an), während sie spielten. Für ein Blasinstrument gibt es nicht so etwas wie, in perfekter Stimmung zu sein. Man zentriert das Instrument in einer bestimmten Tonhöhen-Zone oder einem Fenster, abhängig von seiner Technik, seinem Ansatz und so weiter und von da aus muss man dann in der Stimmung spielen. Doch anders als in der europäischen Kunstmusik (das heißt der europäischen klassischen Musik) gibt es in der Tradition, die ich lernte, eine Menge Tonhöhen-Manipulation, Biegen von Tönen, Verwenden unterschiedlicher Klangfarben und so weiter, sodass das Tonhöhenkonzept also sehr formbar ist. Bei einer gewissen, kulturell bedingten Art des Ausdrucks wird viel von dieser Variabilität als Ausdruck von Seele [Soul] wahrgenommen. Was Von mir zu sagen versuchte, war, nicht zu weit von all dem wegzugeraten, denn diese Ästhetik ist ein wesentlicher Teil der Musik. Damals, als er mir das sagte, war ich jedoch zu jung und unerfahren, um zu erkennen, was er sagte. Ich brauchte Jahre um es zu verstehen. Das war die Art, wie diese Musiker lehrten – meistens mit diesen kurzen, witzigen, parabelartigen Aussagen, die einem wie Samen in den Kopf gepflanzt werden, und dann wächst über die Jahre das Verständnis.“1)

 

Originaltext von Steve Colemans Antwort:

Here is what I believe Von meant by that quote.

The concept of pitch tolerance (i.e., how narrow or wide the perception of pitches is) is different for the various traditions, even in different time periods within the same tradition. This all has to do with the orb or area of influence of a pitch.

An orb is a sphere of interest, influence, or activity. I view it as a window, inside of which an influence is said to be effective or in force. The same is true with pitches. Musicians typically do not play the exact pitches by science definitions. If A = 440 Hz is the pitch standard of a given community of musicians, and in a performance a musician plays the pitch A (above middle C), it is almost certain that it will not be an A 440 Hz that is played, but something ‘close’ to A 440 Hz, close enough that the group of musicians would still call the pitch A. It may be a little above or below the defined A. The question is, how far above or below A 440 Hz can a pitch be, before it is called another pitch?

This is what I call an orb. The same concept exists with rhythms, and it also exits in astrology. The Wikipedia definition of an astrological ‘orb’ is:

In astrology, the orb is how much an angle made by two points differs from the exactness of an aspect. A trine, for instance, is 120 degrees. If two points were 123 degrees apart, they would be said to be in a trine with an orb of 3 degrees. It is generally held in astrological delineation that the larger the orb, the less powerful the aspect's effect is.

So, astrologers would say that 123 degrees is still within orb of a trine.

This concept exists everywhere in Nature and with artifacts. How far does a language have to get from what is considered proper English, before it is not longer considered English?

So, to answer your question, Von told me this after he invited me up to play, and then I asked the piano player (John Young, a cat who grew up with Von) to play the pitch A, then I started to tune up my saxophone. And it was taking me a while, LOL. So as I went on and on, Von looked at me and said, “Don't tune up too much, baby - you'll lose your soul.”.

And at the time, I was thinking something like “What is this old man talking about now?”. I didn’t have a clue what he was saying. I was taught in high school (just a few years before this happened) that you should always tune up before you play, and try to be as in tune as possible. But as time went on, I noticed that I'd never seen the cats from the era of Von Freeman, Sonny Stitt, etc., tune up even once, at least not the African-American cats. They tuned up (i.e., adjust the pitch of their instruments) as they are playing.

For a woodwind instrument, there is no such thing as being perfectly in tune. You 'center' the instrument in a certain pitch zone or window, depending on your technique, embouchure, etc., and then from there you have to 'play' in tune. But unlike European Art Music (i.e., European ‘Classical’ Music), in the tradition that I learned, there is a lot of pitch manipulation, bending of tones, use of different timbres, etc., so that the pitch concept is very malleable.

Expressed in a certain way, which is culturally dependent, a lot of that variability is perceived as an expression of soul. What Von was trying to tell me was not to get too far away from all of that, because that aesthetic is a major part of the music. But at the time that he told me this, I was too young and inexperienced to realize what he was saying, it took me many years to understand. That's the way these cats taught, usually with these one-liner parable-like phrases, that are planted like seeds in your mind, and then the understanding grows over the years.

Peace,
Steve

 

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  1. QUELLE: Beitrag von Steve Coleman vom 18. Februar 2012 im Internetforum Steve Coleman Archives Forum, Internet-Adresse: http://stevecolemanarchives.cultureforum.net/t382-tune-up-too-much, eigene Übersetzung

 

 

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