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Monk-Ode


Eigene Übersetzung von Vijay Iyers Artikel Thelonious Monk: Ode To A Sphere1)

Es gibt eine immense Kraft und sorgfältige Logik in der Musik von Thelonious Sphere Monk. Aber es bereitet einem vielleicht so viel Vergnügen, sie zu hören, dass man das gar nicht bemerkt. Das wäre jedoch das Problem von einem selbst, nicht seines.

Monk war ein Architekt des Gefühls. Seine Melodien waren raffiniert, bewohnbare kleine Räume, die mit ihren seltsamen Winkeln und prächtigen Farben das Herz erwärmen. Irgendwie wusste er genau, wie er einen dazu bringt, sich gut zu fühlen – und ich meine das genau so, als wäre es Medizin, Gastronomie, Massage oder Feng Shui.

Die Idee, dass Musik, die sich gut anfühlt, Handwerk, Disziplin und harte Arbeit erfordern könnte, läuft dem vorherrschenden Wissen über Monk zuwider. Viele Leute pflegen immer noch ein falsches und liebloses Bild von einem ungebildeten, ungeschliffenen, intuitiven Savant [Inselbegabten]. Aber aufmerksames Hören von Monks Musik zeigt das Ergebnis jahrzehntelangen gezielten Experimentierens, Entdeckens und Verfeinerns.

Der Groove war vorrangig: „Wenn du swingst, swinge ein wenig mehr“, sagte er. Genau aus diesem Grund sind seine von der Kritik geschmähten Columbia-Jahre in Wahrheit meine Favoriten; der Groove geht so tief, alles scheint möglich. Monks Zeit-Sinn allein war legendär. Er konnte mit oder gegen den Beat spielen, aber sein innerer Puls war immer stark und zentriert. Das demonstrieren der komplexe Dialog zwischen seinen beiden Händen in den Stride-Piano-Stücken sowie auch seine mikro-expressiven Bearbeitungen von Standards. Und die rhythmischen Vertauschungen in Straight No Chaser, Evidence, Criss Cross oder sogar Jackie-Ing zeigen eine schelmische Genauigkeit, die in einer lebenslangen polyrhythmischen Erfahrung gegründet ist.

Und man kann seine schockierende Klangfülle, die Ökonomie und Klarheit seiner Melodien, die Genauigkeit und Sorgfalt, die für das kleinste Detail verschwendet wird, nicht ignorieren. Er hatte eine elementare Herangehensweise an die Komposition: Er arbeitete nicht mit vorgegebenen Vorstellungen von Melodie, Rhythmus und Harmonie, sondern mit den Fundamenten von Klang, Zeit und Wahrnehmung.

Jeder weiß, dass Monk brillante, geliebte Songs komponierte, aber es wird wenig bemerkt, wie gut Monk orchestrieren und arrangieren konnte. „Trügerisch einfach“ lautet eine akkurate Beschreibung der Art, wie schlau er dein Ohr führt. Indem er niemals zu naheliegenden Ensemble-Strategien Zuflucht nahm, fand er eine überraschende Vielfalt von Klangfarben und Kombinationen innerhalb des Klein-Gruppen-Formats, mit denen er den Hörer gefesselt hält.

Sogar in einem Quartett oder Quintett bringt er einen dazu, eine durchgehende Melodie aus einer hoquetierten2) Zusammensetzung mehrerer Instrumente zu hören. Manchmal dreht er die Dinge um und die Bläser begleiten das Klavier. Oder er verwendet ein zweites Blasinstrument für ein flüchtiges, subtiles Schattieren einer Melodie – „so geschmeidig, dass man es wahrscheinlich übersehen hat“, um einen alten Spruch von Q-Tip3) auszuleihen.

Am Klavier hatte Monk seine Lieblings-Sounds – sie bloß „Voicings“ oder „Akkorde“ zu nennen, würde den Punkt verfehlen. Jeder ist eine Entdeckung, ein mühsam erworbenes Juwel, tief in irgendeinem Gelände gefunden, wo sonst niemand gesucht hat. Mit jedem Sound nahm er Stellung, indem er einen mit dessen Funk herausfordert und mit jeder verwunderlichen, beißenden Erfindung einem den Fehdehandschuh hinwirft. Man fragt sich, warum nicht mehr Leute solche Entdeckungen machen, bis man begreift, wie schwierig das ist.
Diese Akkord-Juwelen von ihm waren greifbare, physische Objekte. Damit meine ich, dass sie den Vorteil der Physik des Sounds nutzten; sie klangen nach. Resonanz-Schwingungen konnten den Raum ausfüllen, den ein weniger bedeutender Pianist mit mehr Noten vollstopfen würde. Das Ausbreiten der stimmhaften Laute in einem Akkord über mehrere Oktaven hinweg erlaubt jeder Tonhöhe widerzuhallen.

Cecil Taylor sprach einmal in ehrfurchtsvollen Tönen von Monks „unterschiedlichen Kombinationen von Noten in unterschiedlichen Lagen“, als wäre diese Qualität irgendwie der Schlüssel zu allem. Und das ist es tatsächlich, wie Sound funktioniert: Obertöne eines tiefen Grundtons beginnen ein wenig in den unteren Oktaven und werden dichter, wenn man zu den höheren Lagen hinaufklettert. Monk zeigte intime Kenntnis dieses physikalischen Gesetzes und er erprobte es.

Die kleine Septime und die Flatted-Fifth, zwei von Monks meist verwendeten Erweiterungen, sind jeweils die Klavier-Versionen des siebenten und elften Teiltons der harmonischen Reihe. (Zur Erinnerung: Die Allgegenwart der Flatted-Fifth im Jazz kann wohl Monk selbst zugeschrieben werden.) Er kombinierte auch die kleine und die große Septime eines Akkords (auch 7. und 15. Teilton genannt), die natürliche und verminderte None (das heißt den 9. und 17. Teilton) und andere „verbotene“ Kombinationen, die in Wirklichkeit gut klingen und physikalisch Sinn machen.

Eine eingehende Studie von Monks Spiel offenbart diese spektrale Qualität seiner Akkorde, diese klare Wahrnehmung höherer Obertöne im Klang des Klaviers. Um diese höheren Teiltöne zu aktivieren, musste er mit ein wenig mehr Kraft spielen als der durchschnittliche Pianist, damit das Instrument schellt und bebt. In diesem Sinn waren Harmonie und Ton integrierte Konzepte. Deshalb nenne ich sie eher „Sounds“ als „Akkorde“; sie sind keine theoretischen Konstrukte, sondern Schwingungs-Erfahrungen – tatsächlich spezielle Sinneseindrücke – und sie fühlen sich gut an.

Wenn Monk die Musik von jemand anderem spielte, dann gestaltete er sie in dieser akustischen Sprache um. Seine Versionen waren das Ergebnis mühevoller Kleinarbeit. Jede Harmonie wurde anscheinend grundlegend umgebaut, mit Sorgfalt ausgewählt und überarbeitet und jedes Ornament, jedes Filigran, jeder Lauf und jede Füllung sorgfältig bedacht. Und dennoch war das Spiel auch voller Risiko. Man kann gar nicht anders, als die Lebendigkeit von dem zu bemerken, den Sinn für die Möglichkeit und die Entdeckung, die eingegangenen Risiken und geernteten Belohnungen.

Dieses Risiko liegt irgendwo im Dialog zwischen Rhythmus und Improvisation – im ununterbrochenen Schwung des Pulses, der sein Markenzeichen ist, und in seiner melodischen Echtzeit-Erfindung, die einen Kontrapunkt zu ihm bildet. Monks heroischer Balance-Akt zwischen Groove und Selbst-Ausdruck – das schiere menschliche Drama – ist für mich sein tiefgründigstes Vermächtnis.

Aber in Wahrheit gibt es eine endlose Menge von Monk zu lernen. Ich bewahre seine Musik in meiner Nähe und ich denke jeden Tag an ihn. Ich hoffe, Sie werden das auch tun.

 

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Fußnoten können direkt im Artikel gelesen werden, wenn man mit der Maus den Pfeil über die Fußnoten-Zahl führt.

  1. veröffentlicht 2010, Internet-Adresse: http://jazztimes.com/articles/25443-thelonious-monk-ode-to-a-sphere
  2. Hoquetus bedeutet „zerschneiden“. Zwei oder mehrere (instrumentale) Stimmen bilden durch ein abwechselndes Spielen (Singen) von Tönen gemeinsam eine Melodie.
  3. Rapper

 

 

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