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Sound


„When it sounds good, it is good.“ (Duke Ellington)1)

Der grundlegende Charakter der Sounds aus New Orleans, mit denen der Jazz begann, blieb bis heute für den Jazz wesentlich:

Zwar ist der Jazz eine überwiegend instrumentale Musik, doch kamen die Jazz-Sounds ursprünglich vor allem durch eine Übertragung des expressiven Gesangs in afro-amerikanischer Volksmusik2) auf Blasinstrumente zustande und bis heute werden die Melodie-Instrumente im Jazz mit dem Ausdruck menschlicher Stimmen gespielt – in einem breiten Spektrum von „hot“ bis „cool“. Weil Blasinstrumente für den stimmlichen Ausdruck besonders geeignet sind, stehen sie nach wie vor im Vordergrund.
Mehr dazu: Menschlicher Sound

Die richtungsweisenden Musiker des Jazz übertrugen die Qualitäten volkstümlicher Groove-Musik auf eine Ebene größerer Raffinesse. Dadurch ist ihre Musik weniger eine abgehobene Kunst als der besonders kunstvolle Teil einer Musikkultur, die unterschiedliche Grade der Verfeinerung umfasst. Auch in jenen Bereichen des Jazz, die sich weit von populärer Musik entfernten, suchten Musiker immer wieder die Anknüpfung an ihre Herkunftskultur, einen unverbildeten Zugang und eine natürlich wirkende Expressivität.
Mehr dazu: Natürlicher Sound

Die Klänge des Jazz dienen selten dazu, beschauliche STIMMUNGEN zu erzeugen, sondern BEWEGEN – nicht nur emotional, sondern vor allem durch ein körperlich und geistig anregendes Spiel mit dem Bewegungsgefühl. Das Bewegungsmoment ist primär in den Rhythmen und Melodien enthalten, prägt aber den gesamten Sound.
Mehr dazu: Beweglicher Sound

Ein eigener, persönlicher Ausdruck der instrumentalen „Stimme“ hat im Jazz einen hohen Stellenwert. Die berühmten Musiker werden oft an ihrem Sound erkannt, für den nicht nur der Charakter ihrer individuellen Klangfarben ausschlaggebend ist, sondern ihre gesamte Art der musikalischen Gestaltung. Ihr Sound ist aber nicht bloß eigenwillig, sondern überzeugt auch durch Stil.
Mehr dazu: Persönlicher Sound

 

Sound-Komponenten

Jazz-Musiker entfalteten bereits früh in der Geschichte ihrer Musik eine große Kunst des musikalischen Ausdrucks durch Klangfarben. Mit ihrem persönlichen Ton berühren sie viele Hörer und vermitteln subtil vielfältige Gefühlsfacetten. Bei manchen Musikern bildet der direkte klangliche Effekt sogar den Großteil ihrer musikalischen Mitteilung und diese relativ leicht erfassbare Komponente der Musik erreicht eher eine größere Hörerschaft als anspruchsvolle musikalische Strukturen. Aufregende Jazz-Klänge lösten bereits in den 1920er Jahren wegen der exotischen Wildheit, die sie aus bürgerlicher Sicht hatten, Begeisterung aus und im Zusammenhang mit den Jugendbewegungen der 1960er und 1970er Jahren erhielt der Free-Jazz in Europa erstaunliche Resonanz, weil in seinen wilden Klängen ein Ausdruck von Umbruch und Befreiung gesehen wurde.
Mehr zu diesem sich durch die Jazz-Geschichte ziehenden Thema: Wildheit

Ausdrucksstarke Jazz-Sounds, die durch Schallplatten, Radiosendungen und Konzerttourneen verbreitet wurden, waren in der westlichen Instrumentalmusik lange Zeit ein neu- und fremdartiges Element, das oft als typisch „negroid“ betrachtet wurde. In der Jazz-Literatur gelten expressive Klangfarben als ursprüngliches, typisch afro-amerikanisches Merkmal des Jazz3) . Aber bereits Louis Armstrongs Kunst in seinen Aufnahmen aus den 1920er Jahren ging weit über seinen beeindruckenden Sound hinaus. Und als Charlie Parker mit einem im Vergleich zu älteren Saxofonisten verfeinerten Ton spielte4)[+], bedeutete dies keineswegs eine Reduktion von Jazz-Qualität. Vielmehr diente die Zurücknahme der klanglichen Expressivität dazu, andere Qualitäten afro-amerikanischer Ästhetik zu verstärken, insbesondere den rhythmisch-melodischen Fluss der Improvisationen.

Ein musikalischer Klang wird neben seiner Klangfarbe durch die Tonhöhe bestimmt5) , die mehr oder weniger genau dem theoretischen Wert einer Note entspricht. So wie der Jazz in der Rhythmik Abweichungen von einem starren zeitlichen Raster kunstvoll nutzt, so nimmt er auch hinsichtlich der Tonhöhe einen größeren Spielraum in Anspruch, der einem subtilen, lebendigen Ausdruck dient.
Mehr dazu: Lockere Brillanz

Ein Ton alleine macht noch keine Musik und auch ein einzelner Klang aus mehreren Tönen nicht. Es braucht wechselnde Töne, die in gewisser Weise harmonisiert sind, die also dem grundlegenden Schema einer Harmonik folgen.6) Abgesehen von den Blue Notes, die wahrscheinlich auf afrikanische Einflüsse zurückgehen, verwendet der Jazz im Wesentlichen das europäische Tonsystem. Er erschloss sich in einer nur wenige Jahrzehnte dauernden Entwicklung praktisch sämtliche europäischen Errungenschaften in diesem Bereich sowie auch einige nicht-westliche Möglichkeiten der tonalen7) Gestaltung. Die „Jazz-Harmonik“ wird daher überwiegend als Abzweigung aus europäischer Musikkultur betrachtet. Die Art jedoch, wie das harmonische Vokabular im Jazz eingesetzt und verstanden wird, hat eigenständige Züge.
Mehr dazu: Harmonik

Die Kompositionen (Stücke), über die die Musiker improvisieren, liefern Vorgaben, an die sich die Musiker halten, um nicht falsch zu klingen und um gemeinsame Bezugspunkte zu haben. Diese Vorgaben betreffen in der Regel sowohl die TONHÖHE als auch die ZEITLICHE GLIEDERUNG. Hinsichtlich der Tonhöhe werden harmonische Rahmen in Form von wechselnden Akkorden, ganzen Tonleitern (Skalen) oder einzelnen Bezugs-Tönen („tonalen Zentren“) festgelegt. Die zeitliche Gliederung ergibt sich, indem rhythmische Zyklen mit Unterteilungen vorgegeben werden, wobei dazu auch die festgelegten Wechsel der Harmonien zählen. – Sowohl in tonaler als auch rhythmischer Hinsicht können die Vorgaben relativ einfach sein und damit den Improvisatoren viel Spielraum lassen sowie den Hörern die Orientierung erleichtern. Sie können aber auch mit Komplexität herausfordern. Ebenso können die Musiker in einer eher legeren Weise über den gesteckten Rahmen hinweg spielen oder mit den vorgegebenen Strukturen ein anspruchsvolles Spiel treiben.
Mehr dazu: Struktur

Die bisher dargestellten Sound-Aspekte betreffen den Klangcharakter der Spielweise eines Musikers, seiner Musik im Gesamten oder einer ganzen Stilrichtung. Der Begriff „Sound“ kann aber auch über den Klang hinaus den Gesamteindruck bezeichnen, den eine Musik vermittelt, und umfasst dann auch die rhythmischen Aspekte sowie die Bedeutung, die die Musik für den Hörer hat – bis hin zur Vermittlung einer Art Lebensgefühl. So sagte der Saxofonist Greg Osby zum Beispiel, gewisse früher häufig gespielte Aufnahmen seien der „Sound of the City“ gewesen8) , oder Steve Coleman: „Wie für die meisten ‚schwarzen‘ Leute in der South-Side von Chicago war für mich Musik einfach ein Teil der Community. Wir haben sie deshalb nicht als eine eigene Sache betrachtet. Sie war etwas, das einfach da war. Sie war der Sound von allem anderen.“9)

 

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Fußnoten können direkt im Artikel gelesen werden, wenn man mit der Maus den Pfeil über die Fußnoten-Zahl führt.
  1. Duke Ellington: „Ob bei Shakespeare oder im Jazz, letztlich zählt nur die emotionale Wirkung auf den Hörer. Irgendwie vermute ich, dass Shakespeare - würde er noch leben - selbst Jazz-Fan wäre, dass er die Kombination aus Teamgeist und Ungezwungenheit, akademischem Wissen und Humor, aus all den Elementen, die in eine großartige Jazz-Darbietung einfließen, schätzen würde. Und ich bin mir sicher, dass er der einfachen und grundsätzlichen Behauptung zustimmen würde, die für uns alle so wichtig ist: Wenn es gut klingt, dann ist es gut." (QUELLE: Duke Ellington, Music Is My Mistress, 1973, S. 193, ursprünglich aus Ellingtons Beitrag zum Programm-Heft des Shakespeare-Festivals 1956 im kanadischen Stratford, wo er damals auftrat; dieser Beitrag wird in Music is My Mistress wiedergegeben, nicht jedoch in der deutschen Übersetzung Solitude; eigene Übersetzung)
  2. in Kirchen, Kneipen, auf Feldern und so weiter
  3. Joachim-Ernst Berendt: „Was den Jazz von der traditionellen europäischen Musik besonders weitgehend unterscheidet, ist die Tonbildung. […] Es gibt im Jazz keinen Belcanto und keinen Geigenschmalz, sondern harte, ungetrübte Klänge - die menschliche Stimme klagend und anklagend, weinend und schreiend, stöhnend und ächzend, und die Instrumente expressiv und eruptiv, ungefiltert von jedweder wie auch immer gearteten Klangvorschrift.“ „Die Jazztonbildung und - damit zusammenhängend - die Jazzphrasierung sind das ‚schwärzeste‘ Element der Jazzmusik. Sie gehen zurück auf die shouts der Schwarzen auf den Plantagen der Südstaaten, und von dort gehen sie weiter zurück an die Küsten und die Urwälder Afrikas. Zusammen mit dem swing sind sie die einzigen vorwiegend negroiden Elemente im Jazz.“ (QUELLE: Joachim-Ernst Berendt/Günther Huesmann, Das Jazzbuch, 1989, S. 198 und 200) Ekkehard Jost: „In den Vordergrund treten sie [Dirty Tones] in solchen Phasen des historischen Prozesses, die durch eine Akzentuierung afroamerikanischer Ausdruckswerte gekennzeichnet sind: nach dem New Orleans Jazz geschah dies vor allem im Hardbop/Soul Jazz und im Free Jazz.“ (QUELLE: Wolf Kampmann/Ekkehard Jost, Jazzlexikon, 2003, S. 599)
  4. Im Stück Funky Blues (1952) ist Parker im Vergleich zu zwei älteren Alt-Saxofonisten als Solist zu hören; Näheres: Link
  5. Die Klangfarbe ergibt sich physikalisch aus einem Gemisch von Obertönen, geräuschhaften Klanganteilen und der Art, wie sich diese Einzelkomponenten im zeitlichen Ablauf verhalten (explosionsartig beginnen, allmählich lauter oder leiser werden, periodisch lauter und leiser werden und so weiter). (QUELLE: Manfred Spitzer, Musik im Kopf, 2002, S. 39) Musikinstrumente produzieren in der Regel zu jedem Ton eine Reihe von Obertönen. Bei einer Glocke kann es sogar vorkommen, dass der wahrgenommene Ton gar nicht erklingt, sondern das Ohr (Gehirn) aus mehreren Frequenzen einen virtuellen Ton „zurechthört“. (QUELLE: Manfred Spitzer, Musik im Kopf, 2002, S. 109)
  6. Es gibt zwar im so genannten Free-Jazz Improvisationen mit Tönen, deren Höhe sich nicht auf herkömmliche Töne bezieht, sowie Improvisationen mit bloßen Geräuschen, doch bilden diese Improvisationen (soweit sie überhaupt zum Jazz gezählt werden) Ausnahmen.
  7. die Tonhöhe betreffenden
  8. QUELLE: Begleittext des Albums Stefon Harris/Jason Moran/Greg Osby/Mark Shim: New Directions (1999)
  9. QUELLE: Thomas Stanley, Steve Coleman. The Order of Things, 1998, Internetseite von Steve Coleman, Internet-Adresse: http://www.m-base.com/int_stanley.html, eigene Übersetzung

 

 

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