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Interview, 1995

An Interview Conducted By Jason DuMars1)
Eigene Übersetzung

 

Interviewer: Steve, lass uns damit beginnen, was Du zurzeit machst. Du hast gerade vor kurzem eine neue Gruppe gebildet. Was möchtest Du zu dieser neuen Formation sagen?

Steve Coleman: Ich weiß jetzt nicht, über welche Gruppe Du sprichst. Ich bin zurzeit an 5 verschiedenen Gruppen beteiligt:

Steve Coleman and Five Elements
Steve Coleman and Metrics
Steve Coleman and The Mystic Rhythm Society
Renegade Way
Steve Coleman and The Secret Doctrine

Es kommt also darauf an, von welcher der 3 letzten Gruppen Du sprichst. Kurz:

Steve Coleman and Five Elements ist die älteste dieser Gruppen. Die Gruppe begann 1981 mit mir und dem Trompeter (jetzt Kornettisten) Graham Haynes. Steve Coleman and Five Elements wurde mit der Absicht konzipiert, uneingeschränkt zu spielen – kreative Musik, die auf den Lebenserfahrungen afro-amerikanischer Leute und der afrikanischen Diaspora gründet. Die Five Elements arbeiten hauptsächlich im Bereich des Neudefinierens der Formen und Konzepte früherer afro-amerikanischer Musik. Die Erforschungen der Five Elements waren ursprünglich auf die Entwicklung einer eigenen rhythmischen Grundlage konzentriert, auf der die musikalischen Strukturen der Band aufgebaut wurden. Seither hat sich das Konzept einen Schritt weiter entwickelt durch eine Erweiterung in jenen Aspekten dieser Musik, die die eigenständige Melodik und Stimmführung betreffen. Das resultiert aus einem umfassenden Verständnis von der Art, wie sich Sound organisch erweitern kann. Wenn man das Material auf diese Weise entfaltet hat, dann haben die Solisten mehr Material zur Verfügung, aus dem sie schöpfen können, wenn sie ihre Improvisationen aufbauen. Beim Aufbau der Soli werden die rhythmischen, melodischen und Stimm-Führungs-Grundlagen des jeweiligen Songs genutzt – ähnlich wie bei den Entwicklungen, für die Männer wie Duke Ellington und Charlie Parker den Weg bereitet haben.

Steve Coleman and Metrics: Die musikalische Grundlage, auf der das Konzept der Metrics aufbaut, ist die Entwicklung originärer Methoden vokaler Prosodie [die Betonung von Wort- oder Versakzenten durch musikalische Mittel wie Rhythmus und Notenlänge; Wikipedia] und musikalischer Improvisation innerhalb spezifischer, ineinander verschachtelter Strukturen. Die Musik der Metrics ist ein Amalgam aus futuristischer vokaler und instrumentaler Improvisation, die über eine sich wandelnde Basis aus Polyrhythmen im Street-Style, gegründet in afrikanischer Musik, geschichtet wird. Diese Ideen sind das Ergebnis eines Brainstormings unter Musikern, Produzenten und Rappern aus New York, Philadelphia, Washington DC, Chicago und Oakland. Der Einfluss mehrerer verschiedener Regionen ergibt eine Mischung mit einer breiten Basis und einer speziellen Würze.

Steve Coleman and The Mystic Rhythm Society ist dazu gedacht, die Strukturen des Universums zu erkunden und diese Formen durch Musik auszudrücken. Ich brachte die Musiker 1994 infolge meines Anliegens zusammen, die grundlegenden ätherischen Beziehungen zwischen Menschheit und Schöpfung zu erkunden. Die Haupt-Idee ist, dass das Universum zu jeder Zeit und in Bezug zum jeweiligen Ort Eindrücke, eine Art Abdruck hervorbringt. Das Ziel der Mystic Rhythm Society ist es, die Essenz dieser Eindrücke unter Verwendung analoger musikalischer Formen und Strukturen einzufangen und dann die verschiedenen Empfindungen, Gedanken und Erfahrungen der Musiker durch musikalische Kompositionen, die auf spezifischen universalen Eindrücken aufbauen, zu vermitteln. Die meisten der Kompositionen werden innerhalb der akustischen Strukturen, die diese Eindrücke repräsentieren, spontan hervorgebracht.

Renegade Way ist ein Saxofon-Quartett aus Steve Coleman, Joe Lovano, Bunky Green und Craig Handy mit einer Rhythmus-Gruppe aus Kenny Davis (Bass) und Ralph Peterson (Schlagzeug). Das ist eine Gruppe, die ganz einfach zum Spielen gebildet wurde. Die Musik ist ein Ergebnis der Kompositionen aller Beteiligten. Wir spielen nicht viele Gigs, weil in der Gruppe mehrere Leader sind und es daher gewöhnlich sehr schwierig ist, eine Zeit für einen Gig zu finden. Ich genieße es einfach wirklich, mit anderen Saxofonisten, die auf diesem hohen Niveau der Musik sind, zu spielen. Es ist eine Inspiration.

Steve Coleman and The Secret Doctrine ist eine Art kleine Version der Mystic Rhythm Society. Sie wurde aus völlig unterschiedlichen Mitgliedern zusammengestellt und ist eine Gruppe, die erst beginnt und in einem experimentellen Stadium ist. Das Ziel der Gruppe ist eine Art Kombination aus der Richtung der Five Elements und der Mystic Rhythm Society, aber in der Regel ist die Musik komplexer.

Interviewer: Gibt es gewöhnlich eine „Einarbeitungs“-Phase für die Musiker, die mit dem M-Base-Vokabular und den Notations-Gepflogenheiten nicht vertraut sind? Ich nehme an, dass eine Menge der musikalischen Dialoge, die entstehen, aus gemeinsamen Erfahrungen und gemeinsamem Hintergrund stammen, vor allem bei Musikern, die als Teil der afrikanischen Diaspora hervorgekommen sind oder von ihr beeinflusst wurden …

SC.: Es gibt immer eine „Einarbeitungs“-Phase, aber die verschiedenen Musiker steigen in unterschiedlichem Maß in die Musik ein. Kürzlich hatte ich das Vergnügen, mit Leuten zu arbeiten, die davor diese Musik (oder das Gestalten der Musik mithilfe ähnlicher Konzepte und Ideen) studiert hatten, sodass sie sehr schnell mit der Musik vertraut wurden. Es hilft sehr, wenn es eine gemeinsame Erfahrung gibt, aber diese gemeinsame Erfahrung allein bedeutet nicht, dass ein einzelner Musiker zur Musik eine Beziehung finden wird, die für mich und die anderen Musiker, die bereits in der Gruppe sind, passend ist.

Interviewer: Du hast erwähnt, dass es sehr schwer ist, Musiker zu finden, die imstande sind, das Niveau der Konzentration und Fertigkeit zu erreichen, die für das Spielen der Musik, die mit dem M-Base-Konzept assoziiert wird, notwendig ist. Stellst Du fest, dass Musiker mit vorgefassten Vorstellungen darüber, was M-Base ist, zu Dir kommen, und was wird von ihnen erwartet?

SC.: Fertigkeit ist kein Problem. Die meisten professionellen Musiker haben eine Menge Fertigkeit. Es ist schwer, Musiker zu finden, und die Schwierigkeit hat mit einem Unterschied der Konzeption erstens des Lebens und zweitens der Musik zu tun. Jeder hat irgendeine Art vorgefasster Vorstellung von nahezu allem und ich erwarte von Musikern nicht, dass sie genau wie ich denken. Wie ich zuvor gesagt habe, ist das M-Base-Konzept nicht ein musikalischer Stil, sondern ein Geisteszustand. Ich erwarte eigentlich nichts von ihnen, ich möchte nur mit Leuten arbeiten, die imstande sind kreativ zu sein, aber es hilft und die Dinge laufen glatter, wenn wir uns mit ähnlichen kreativen Energien befassen. Es gibt sehr viele verschiedene Arten kreativ zu sein und einfach weil zwei Musiker kreativ sind, heißt das nicht, dass sie miteinander Musik machen können.

Interviewer: Anthony Braxton sagte einmal so etwas wie, dass Musiker in der afrikanischen Diaspora in der Musik einen Schritt vor allen anderen zu sein scheinen und sobald sie ein neues musikalisches Konzept entwickelt haben, lassen sie es fallen und gehen weiter, während andere die Ideen, die sie zurückgelassen haben, aufgreifen. Wie empfindest Du das und wie verhält sich das in Bezug auf die Musik, die Du und andere Mitglieder des M-Base-Kollektives schaffen?

SC: Ich verstehe das, aber ich weiß nicht, ob Braxton das genauso gemeint hat, wie Du das oben wiedergibst. Jedenfalls glaube ich nicht, dass das tatsächlich immer der Fall ist. Nichts ist immer der Fall. Es gibt viele Musiker, von denen gesagt werden kann, dass sie „in“ der afrikanischen Diaspora sind, und die nicht damit beschäftigt sind, ein neues musikalisches Konzept zu kreieren. Ich glaube nicht, dass das Kreieren eines neuen musikalischen Konzepts der Punkt ist. Für mich geht es darum, durch die Musik auszudrücken, wer man ist (wer auch immer man ist). Es geht nicht darum, irgendjemanden abzuhängen, sondern darum, seine Existenz auszudrücken.

Interviewer: Es scheint, dass Deine Musik von Kritikern, die Deine Musik in eine stilistische Schublade zu stecken versuchen, weithin nicht verstanden wird. Wie erklärst Du Leuten M-Base, die die zugrunde liegenden Konzepte nicht verstehen?

SC: Um Dir die Wahrheit zu sagen: Ich glaube nicht, dass es wichtig (oder überhaupt möglich) ist, irgendeine bestimmte Musik zu verstehen. Die ernsthaftesten Musiker haben die Musik und die mit ihr verbundenen Bereiche Jahrzehnte lang studiert. Zu glauben, dass jemand etwas, das jemand Jahrzehnte lang studiert hat, durch das Lesen einer „Erläuterung“ verstehen kann, ist unrealistisch. Auch wenn ich die Fragen von Leuten und Musik-Kritikern beantworte, so erwarte ich daher nicht, dass sie es auf die Weise verstehen, wie ich es meine. Aber glücklicherweise ist das nicht notwendig. Die Leute sollten wirklich einfach ihr Gefühl gegenüber der Musik öffnen. Auf diese Weise „fühlt“ man, nimmt auf und versteht in einer Weise, wie es mit dem so genannten „logischen“ Verstand nicht möglich ist. Es ist Feeling, was notwendig ist und worauf im Allgemeinen nicht wert gelegt wird.

Interviewer: Erzähl mir über Deine Ausrüstung. Was brachte Dich zur Entscheidung, das Selmer Mark VII zu spielen und nicht andere Hörner wie das Mark VI?

SC: Nichts Besonderes. Ich mag das Metall der Selmer Hörner, aber für mich ist ein Horn so gut wie das andere. Welches Horn man spielt, das macht die Musik nicht besser. Wenn die Musik nicht aus einem kommt, wird das Horn nicht helfen.

Interviewer: Wie bist Du auf Vandoren gekommen? Ich weiß, dass Greg Osby auch Vandoren Produkte mag.

SC: Sie ersuchten mich, ihr Zeug zu befürworten, bereits seit ich es verwendete, und ich sagte ja!

Interviewer: Was brachte Dich dazu, Dich mit dem Internet zu befassen? Auch, welche Möglichkeiten bietet das Internet nach Deiner Ansicht in Bezug auf die Musik?

SC: Ich bin am Internet interessiert, weil ich an Kommunikation interessiert bin. Das ist es für mich, worum es beim Internet geht. Viele Leute verwenden das Internet hauptsächlich für geschäftliche Zwecke, aber für mich liegt der wahre Wert im Verbreiten von Information. Ich kam dazu, weil ich Computer und Modems und solches Zeug schon seit Jahren benutze, zumindest seit 1985.

Interviewer: Was für Art Sachen machst Du mit Computern und Musik? Ich weiß, Du hast früher mit dem Synthophone gearbeitet …

SC: Ich habe das Synthophone hauptsächlich als einen Controller verwendet. Ich wollte noch viel mehr machen, aber ich habe leider nicht viel Hilfe vom Erfinder bekommen (zumindest nicht in der Weise, wie ich wollte). Ich hab mehrere Musik-Programme erstellt, um mir konzeptuell zu helfen. Ich habe mehrere meiner kleinen Konzepte für den Computer programmiert. Zum Beispiel hab ich ein Programm, das mit Sound-Strukturen improvisiert (manche Leute mögen das als Improvisieren über Changes bezeichnen), wobei mehrere melodische Stile verwendet werden, die ich hervorgebracht habe. Ich lehne mich dann zurück und hör mir diese Improvisationen an, und das hilft mir manchmal, Dinge in diesen Stilen zu sehen, die ich zuvor nicht sehen konnte. Der Computer ist für mich also ein Werkzeug. Beim Aufführen der Musik habe ich Computer nicht verwendet.

Interviewer: Irgendwelche sonstigen Kommentare für Leser zu Dir, Deiner Musik, M-Base oder sonst etwas?

SC: Wenn Leute an meiner Musik interessiert sind, sollten sie in erster Linie hören. Die gesamte Information ist in der Musik. Musik-Studenten können meine Web-Seite auf http://www.m-base.com besuchen und sie werden da einige Informationen finden und diese Informationen werden laufend aktualisiert. Ich möchte klarstellen, dass dieses Denk-Konzept auf einigen wirklich alten Informationen gründet und dass ziemlich viel von diesen Informationen verschollen ist, verloren ging oder wir es einfach noch nicht gefunden haben. Es wird die Arbeit vieler Leute sein (nicht einer einzelnen Person), die einige dieser uralten Informationen wieder entdecken wird und die auch andere Wege finden wird, das Universum durch Sound auszudrücken.

 

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  1. Original auf Steve Colemans Internetseite, Internet-Adresse: http://m-base.com/interviews/an-interview-conducted-by-jason-dumars/

 

 

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