Radio
Verzeichnis aller Artikel

 

Interview, Februar 1999

An Interview Conducted By Nate Chinen1)
Eigene Übersetzung

 

Interviewer: Du bist in den letzten Jahren viel gereist und hast eine Vielfalt von Sounds verschiedener Kulturen in Deine Gruppe aufgenommen. Ich stelle mir vor, dass es in gewissem Maß eine wechselseitige Befruchtung zwischen Deinen verschiedenen Projekten gibt.

Steve Coleman: Es ist nicht ganz so. Ich bin an viele Orte gereist: Ghana, Senegal, Ägypten, Indien, Kuba, Brasilien. Jeder Ort, wo ich war, hat einige Wirkungen auf mich, philosophisch und meist auch musikalisch. So habe ich mich erweitert. Ich meine, ich denke ziemlich in der gleichen Weise, aber ich habe meine Perspektive aufgrund meiner Studien in Form von Reisen, Lesen und allem, was man dabei macht, erweitert. In Folge davon hat sich auch meine Musik verändert. Um konkret zu werden, bräuchte ich eine konkrete Frage … Aber es hat sich in fast jeder Hinsicht, die ich mir vorstellen kann, verändert, in Hinsicht all der verschiedenen Elemente. Die Veränderung ist jedoch keine Veränderung der Richtung meiner geistigen Orientierung, sondern eine Veränderung im Sinne einer Erweiterung der Perspektive.

Interviewer: Eines der Dinge, die einem bei „The Opening of the Way“ auffallen, ist zum Beispiel die Kompliziertheit der rhythmischen Grundlage und die Arten, in denen so viel Polyrhythmisches geschieht, in ungeraden Metren. Du sprichst aber davon, dass Du nicht im Sinne von ungeraden oder gebräuchlichen Metren denkst.

SC: Ja, ich denke nicht über ungerade Metren oder so etwas. Das stimmt.

Interviewer: Ist das ein Ergebnis der Beschäftigung mit diesen erweiterten …

SC: Ja, es sind 2 Sachen. Eine ist die Art, wie ich es empfinde. Aber die beiden Sachen sind miteinander verknüpft. Und die andere Sache ist das Studium und das Interesse und das Eintauchen in das, was ich nicht-westliche Philosophie und nicht-westliche Musik nenne. Schau, für mich sind die Musik und die Art, über das Leben zu denken, nicht voneinander getrennt. Wenn ich also bei der Beantwortung Deiner Fragen dazu tendiere, eine Menge über Philosophie zu reden, dann deshalb, weil alles wirklich davon kommt. Die Musik ist einfach eine Art Ausdruck von dem in Musik. Ich habe meine ganze Zeit damit verbracht, über das Leben nachzudenken, und nachdem ich ein Musiker bin, versuche ich, das Handwerk der Musik dazu zu verwenden, das auszudrücken. Musik ist gewissermaßen meine Sprache, zumal ich nicht so gut Englisch sprechen kann (lacht). Deshalb benutze ich die Musik, um diese Dinge in verschiedener Weise auszudrücken, meistens auf symbolische Weise.

Interviewer: Wenn Du von Philosophie sprichst, schließt das die Organisations-Prinzipien von M-BASE mit ein?

SC: Nein, ich spreche über meine Sicht des Universums und der Welt und der Art, wie die Dinge sind. Punkt. Das geht wirklich sehr weit. M-BASE ist einfach ein Ausdruck, der geprägt wurde, um sich darauf zu beziehen - eine Art schnelle, abgekürzte Form, wie wir von dem ausgehend über das Musik-Machen denken können. Es ist meines Erachtens nicht wirklich wichtig, darüber zu reden. Denn eigentlich ist – soweit es mich betrifft – Musik nicht der Punkt. Ich bin halt einfach einmal ein Musiker. Deshalb reden wir über Musik. Wenn ich ein Maler wäre, wäre es genauso, ich würde lediglich halt malen. Oder wenn ich ein Tänzer wäre … Du verstehst.

Interviewer: Ich sprach mit Muhal Richard Abrams und er zog ebenfalls den Vergleich zwischen Musik und Malerei.

SC: Er malt tatsächlich eine Menge. Er ist ein alter Fuchs [bad cat]. Das ist alles, was ich sagen kann. Ich habe eine Menge Respekt vor Muhal.

Interviewer: Du hast gesagt, dass Du ein Erkennen der „natürlichen Rhythmen des Universums“ ausdrücken wolltest. War es schwierig, diese großen Fragen in die Sprache der Musik zu übersetzen?

SC: Ja, das sind große Fragen und eine Menge davon ist esoterisch. Das ist tatsächlich eine gute Frage. Noch niemand hat mir diese Frage gestellt. Normalerweise bekommt man die Fragen, bei denen jeder das selbe fragt. Es ist schwer, das zu beantworten, denn es hat mehrere Punkte in meinem Leben gegeben, an denen ich eine Art Durchbruch hatte. Dieser Prozess scheint wirklich langsam voranzugehen und dann geschieht etwas und man macht eine Art konzeptuellen Sprung nach vorne – hinsichtlich des Verstehens von etwas oder der Fähigkeit, etwas auszudrücken. Dann wird es wieder zäh und geht nur schleppend voran und vielleicht 4 Jahre später tritt wieder eines dieser Dinge ein. Ich nenne sie Visionen. Sie sind einfach Momente der Durchsichtigkeit, in denen man Dinge klar sieht. Das geschah bei mir vielleicht 3 oder 4 Mal – Zum ersten Mal geschah es ungefähr 1977: Ich übte gerade im Park und beobachtete die Flug-Muster dieser Bienen. Ich habe damals überhaupt nicht beabsichtigt, dazu irgendeine Art musikalischer Verbindung herzustellen. Die Bienen haben mich wirklich einfach nur genervt, denn ich war beim Üben. Als ich aber die Bienen beachtete, traf mich etwas – eine Art Blitz – und es brauchte Jahre, um das auszuarbeiten. Eigentlich bin ich immer noch dabei, das auszuarbeiten. Es brauchte Jahre, um diese Idee auszuarbeiten, denn es ist etwas, mit dem ich damals nicht vertraut war. Ich erhielt jedoch – vielleicht ein Jahr später – den Durchbruch der Idee, der mich dazu führte, die Verbindung zu sehen. Sehr oft ist das das Problem. Es muss etwas da sein, das als Brücke dient, die diese Dinge verbindet. Heute bin ich so sehr in dieser Sache, dass ich irgendwie sehen kann, in welcher Richtung ich mich nach Brücken umsehen muss. Man hat so etwas wie eine Philosophie. Ich interessiere mich vor allem für die alt-ägyptische Philosophie. So etwas zieht man heran und man hat so etwas wie die Musik. Es muss etwas da sein, das für einen die Verbindung herstellt, sodass man den Sprung von einer Sache zur anderen machen kann oder beide als ein und die selbe Sache sehen kann. Normalerweise haben im Leben bereits andere Leute diese Verbindungen für uns hergestellt. Zum Beispiel beim Sprechen: Wenn man eine Baby ist, weiß man nicht, wie man spricht. Man hat Ideen und Gedanken, aber kann keine Sprache sprechen. Wo immer man aufwächst, man lernt die Sprache des Ortes, wo man lebt. Der Grund, warum man die Sprache so schnell lernt, ist der, dass alle Einzelheiten von Tausenden und Millionen von Leuten, die vor einem kamen, erarbeitet wurden. Sie lernen einem einfach diese Einzelheiten. So muss man sich nicht unbedingt darum kümmern, Verbindungen herzustellen, auch wenn man es tut. Es wurde für einen ausgearbeitet. In kreativen Dingen jedoch … wie das, was Albert Einstein tat … Er musste diese Brücke selbst erarbeiten. So stellte er sich für seine Relativitätstheorie vor, auf einem Lichtstrahl zu reiten. Und er fragte sich: „Wenn ich auf einem Lichtstrahl herumreiten würde, was würde ich sehen?“ Jetzt ist es natürlich ein großer Sprung von diesen Gedanken zur Mathematik, der zu erarbeiten ist. Es ist ein sehr langer Sprung. Deshalb machen die Leute so ein Zeug nicht jeden Tag. Wenn er nicht in Physik kompetent und sehr kreativ gewesen wäre und sich in seinem Leben nicht gewisse Dinge ereignet hätten, dann hätte er diesen Sprung vielleicht nicht gemacht. Es gab Tausende von Physikern, die das nicht gemacht haben. Man sieht bei sehr kreativen Leuten – egal ob es Bach, Mozart, Beethoven, Charlie Parker oder Coltrane ist – diese Fähigkeit, diese Brücke zu bauen, um diese Verknüpfung herzustellen, Verbindungen zu sehen, wo andere Leute keine sehen. Man kann das in allem feststellen. Ich hab mich mit einer Menge Leute beschäftigt, die kreative Dinge machten, auch außerhalb der Musik – mit Leuten wie Malcolm X, alle Arten verschiedener kreativer Denker, was immer sie gemacht haben. Sie alle haben gemeinsam: Sie stellen Verbindungen her, wo andere Leute die Dinge als getrennt und beziehungslos betrachten. Sie stellen diese Verbindungen her und Analogien. Man sieht das sogar bei großen religiösen Führern wie Jesus und Buddha. Sie sprechen in Gleichnissen, aber sie stellen diese Verbindungen her, diese Allegorien. Es ist offensichtlich, wenn man ihnen zuhört. Aber wenn man der ist, der sie herstellt, dann sind sie nicht so offensichtlich. Was mich betrifft, so hatte ich diese Momente, in denen die Dinge klar waren. Und diese Momente waren es, in denen ich in der Lage war, diese Art Sprünge zu machen. Es ist schwierig, das zu erklären. Es ist sogar schwierig, das den Leuten in meiner Band zu erklären. Es ist noch schwieriger in einem Interview. Du bist die erste Person, die mir diese besondere Frage gestellt hat.

Interviewer: Das ist es, was mich zu dieser Musik am meisten interessiert hat.

SC: Zum Beispiel hinsichtlich der Rhythmus-Sache, die Du erwähnt hast, den ungeraden Taktmaßen usw.: Ich sehe die Rhythmen mehr in einer Ähnlichkeit zur Sprache. Zum Beispiel spreche ich zu Dir nicht in 4/4, auch nicht in ¾ oder irgendwelchen anderen Vierteln. Dennoch hat meine Sprache einen Rhythmus. Es liegt eine bestimmte Art von Rhythmus in der Art, wie ich spreche. Darum erkennen mich meine Freunde sofort, wenn ich anrufe - an meinem Ton, meinem Rhythmus, bestimmten Phrasen, die ich immer verwende. Genauso erkenne ich Charlie Parkers Spiel. Auf die gleiche Weise. Und genauso denke ich über Phrasen und die Art und Weise, wie sie sich aufeinander beziehen, über die Beziehungen, die sie haben. Ich denke nicht so: „OK, jetzt mache ich etwas in 3 ½“ oder so in der Art. Ich muss jedoch genug über die Musik wissen, wenn ich es jemandem, der nicht so denkt wie ich (was ja leicht sein kann), erklären will. Dann muss ich genug über die technischen Elemente der Musik wissen. Wenn ich es zum Beispiel in europäischer Notation ausschreiben möchte. Ich schreibe vieles ohne Taktangabe aus. Aber letzten Endes verwendet man doch Werte wie Viertel-Noten, Achtel-Noten, halbe Noten und solche Dinge. Auch wenn man keine Taktangaben macht und Takte verwendet, verwendet man doch Zeitwerte. So beschäftigt man sich in einem gewissen Sinn doch mit Metren. Aber das steht nur auf dem Papier. Das hat nichts zu tun mit dem, was ich in meinem Kopf höre und gestalte. Es ist wie eine Idee, die man hat. Man kann eine Idee in weniger als einer Sekunde haben. Um sie aber jemandem zu erklären, braucht es eine Minute, zwei Minuten … den ganzen Tag. Die Erkenntnis kann in einem Blitz gekommen sein. Wer weiß, wie Ideen in unserem Gehirn auftreten. Ich verwende das einfach als Beispiel. Das selbe geschieht mit den Taktmaßen und solchen Dingen. Wenn wir spielen, denken ich und die Mitglieder meiner Band nicht daran. Häufig weiß ich gar nicht, welchen Takt ein Song hat. Kommt einer daher und fragt: „Welches Taktmaß hat das Stück?“, dann sehen wir einander an und sagen: „Ich weiß es nicht, zählen wir und finden es heraus!“. Einige dieser Songs kann man gar nicht in ein Taktmaß stecken. Es ist einfach die Eigenschaft von … jeder kann in einer anderen räumlichen Beziehung stehen.

Interviewer: Wenn Kritiker über progressive oder experimentelle Musik reden, versuchen sie oft zwischen zerebral [das Gehirn betreffend] und viszeral [die Eingeweide betreffend] zu unterscheiden.

SC: Für mich sind sie ein und das selbe. In unserer Kultur unterscheidet man generell zwischen dem, was Leute denken, und, was intuitiv ist. Man hört ständig dieses Rechte/Linke-Gehirnhälfte-Zeug. Das begann mit Aristoteles und das ist so tief verwurzelt, dass sich die Leute nicht vorstellen können, dass es irgendetwas anderes geben könnte. Die logische Sache ist das, was in dieser Gesellschaft als wertvoll angesehen wird. So ist das hier. Was ich hingegen studiere, widersetzt sich dem und geht in die entgegengesetzte Richtung - dahin, dass beide dieser Dinge wertvoll sind und beide ein und die selbe Sache sind. Es gibt keine Trennung zwischen ihnen, kein getrenntes Denken über sie. Ich nutze jeden Prozess, den mein Gehirn dafür zur Verfügung hat, um Musik zu gestalten. Ich spreche oft mit Leuten mit starker Intuition und die sind dann bestürzt wegen dem technischen Zeug. Wenn ich andererseits mit Leuten zusammenkomme, die stärker auf die logische Sache bezogen sind, dann sind die wegen der esoterischen, intuitiven Sache bestürzt. Man ist so gemacht, dass man naturgemäß alle diese Fähigkeiten hat. Warum soll man nur die eine oder die andere nutzen? Man ist offensichtlich dazu angelegt, davon alles zu nützen. In alten Gesellschaften dachte man so und dadurch waren sie damals zu Dingen in der Lage, von denen wir heute nichts mehr verstehen. Sie dachten in einer ganz anderen Weise, in der die gesamte Sache vereint war. Sogar Kunst und Wissenschaft waren vereint. Es gab keine „Kunst“ wie wir sie heute kennen. Es war alles Kunst, Wissenschaft, Religion – all das war vereint in einer großen „heiligen Wissenschaft“. Ihre Denk-Prozesse entsprachen diesen Linien. Das ist die Art des Weges oder Pfades, dem ich folge und dem auch Leute wie Muhal (Richard Abrahams) oder John Coltrane folgen. Davon redet keiner, weil man es vorzieht, darüber zu reden, „was für Noten hast du zu diesem Akkord verwendet?“ – Du verstehst.

Interviewer: Du hast gesagt, dass Dein Anliegen nicht unbedingt dahin geht, neue musikalische Konzepte zu schaffen, sondern eine Identität auszudrücken. Das erinnert mich an eine Aussage von Ralph Ellison [afro-amerikanischer Schriftsteller]. Ich würde gerne Deine Meinung dazu hören, wenn das für Dich erträglich ist. „Jeder echte Jazz-Moment“, schreibt er, „geht aus einem Wettstreit hervor, in dem jeder Künstler alle anderen herausfordert. Jeder Flug eines Solos, jede Improvisation stellt (wie die aufeinander folgenden Gemälde eines Malers) eine Definition seiner Identität dar: als Individuum, als Mitglied einer Gesamtheit und als Verbindungsglied in der Kette der Tradition. Weil der Jazz somit in einer endlosen Improvisation über traditionellem Material sein echtes Wesen entfaltet, muss der Jazzmusiker seine Identität verlieren, noch während er sie findet.“

SC: Hmm. Ich stimme mit dem bis zum letzten Teil überein. Ich vermute, er spricht über das, was er als klassische Form der Musik betrachtet. Was das Verlieren seiner Identität während ihres Findens anbelangt, kann ich dem irgendwie zustimmen. Um auf die Aussage, die Du zuerst gemacht hast, zu kommen: Es geht nicht darum, etwas Neues zu schaffen. Ich glaube, wir sind alle Teil des selben Geistes. In welcher Erscheinung wir auch immer auf der Welt sind, wir sind individuelle Ausdrucksformen dieses Geistes. So bist Du und bin ich einzigartig und gleichzeitig sind wir das selbe. Somit gibt es einen offensichtlichen Gegensatz, der – für mich – in der Musik ausgedrückt wird. Das ist irgendwie ähnlich wie das, was er da am Ende gesagt hat. Während ich danach strebe auszudrücken, wer ich bin, klingt es für jeden anderen … Je erfolgreicher ich darin bin, desto andersartiger klingt es. Gleichzeitig ist es umso vertrauter. Ich bekomme diese Rückmeldung von vielen Leuten: „Ich mag Deine Musik echt – sie ist so anders als alles, was ich gehört habe. Zugleich gibt es da etwas Vertrautes.“ Das empfinde ich, wenn ich Charlie Parker oder so etwas höre. Ich spüre keinen Drang, ihn oder sonst etwas zu kopieren. Ich habe das Gefühl, was immer ich versuche zu machen, es ist genau das gleiche was er tat, auch wenn es ein ganz anderer Stil ist. Es gibt Leute, die können nicht einmal glauben, dass ich Charlie Parker höre. Und es gibt andere, die eine große Menge davon hören. Aber ich weiß, dass das ein und die selbe Sache ist. Um es noch wesentlich zu erweitern: Von wo Coltrane kam und von wo Bela Bartok kam, ist auch die selbe Sache. Es gibt Unterschiede und die sind offensichtlich. Das betrifft alles. Wenn ich davon rede, dass Dinge das selbe sind, dann ist das auf einer höheren Ebene. Ich denke, es hängt davon ab, wie man diese Dinge betrachtet. Du hast vielleicht von dieser Sache mit dem Flattern der Flügel eines Schmetterlings in Japan gehört, das ein Erdbeben in Kalifornien auslöst. Es scheint so, als wären es zwei getrennte Dinge, die keine Verbindung haben, und das ist es, was in dieser Welt heute falsch läuft. Wir betrachten alles von einander getrennt, als hätten die Dinge keine Verbindung, so versauen wir den Planeten. Die Erde entwickelt sich nicht überall hin. Der Planet wird sich selbst heilen, auch wenn das Millionen von Jahren braucht. Wir löschen uns vielleicht aus und reißen viele Lebensformen mit uns. Das ist eine unmittelbare Folge davon, nicht in Harmonie zu sein, nicht zu wissen, dass alles hier vom selben Ursprung kommt. Alles beeinflusst alles. Wenn man das gesamte Plankton im Ozean auslöscht, wird etwas geschehen. Wenn man alle Wölfe tötet, wird etwas geschehen. Wir haben im Gegensatz zu Leuten in alten Zeiten kein unmittelbares Wissen darüber. Es gibt keine Aktion, die man ausführen kann, ohne dass sie eine Reaktion auslöst, denn alles ist Teil des selben Systems.

Interviewer: Um das Konzept der Einheit heranzuziehen und es noch einmal auf die Künste zu beziehen: Ich habe festgestellt, dass Du mit einer Tänzerin arbeitest, Rosangela Silvestre.

SC: Ich weiß nicht, ob sie nach Philly kommen wird oder nicht. Normalerweise haben wir Rosangela dabei, aber sie ist da vielleicht in Brasilien. Wir werden ein Holzbläser-Quintett dabei haben, bestehend aus Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Waldhorn. Es gibt zwei Saxophone, mich und Gary Thomas. Ein oder zwei Trompeten. Klavier, Bass, Schlagzeug und Gitarre. Es ist die erweiterte Version der Five Elements.

Interviewer: Ich habe wegen Rosangela gefragt, weil mich die Art interessiert, in der Tanz Teil dieser Musik ist. Wenn man die CD hört, fehlt einem etwas dadurch, dass man keinen visuellen Zugang zu dieser Bewegung hat?

SC: „Fehlen“ ist nicht das Wort, das ich verwenden würde. Es fehlt einem nicht etwas, von dem man nie gewusst hat, dass es existiert. Bewegung ist ein großer Teil von dem, was ich mache, Punkt. Selbst wenn es überhaupt keinen Tanz gibt, beschäftige ich mich mit Bewegung, wenn ich Musik gestalte. Nun kann natürlich niemand in meinem Kopf sein. Das Seltsame und auch Großartige an der Musik ist: Wenn sich 5 Leute die selbe CD oder das selbe Konzert anhören, dann hören sie 5 unterschiedliche Sachen. Es hängt von ihren Erfahrungen ab. Es ist ein Fehler zu glauben, dass die Musik einfach ein Ding ist. Was es für mich ist, das wird keine andere Person erleben – nicht einmal die anderen Mitglieder der Gruppe. Sie haben eben ihre eigene Perspektive. Wenn Du mich also interviewst: Es ist einfach das, was ich erlebe, von dem aus ich gestalte.

Interviewer: Du bist die einzige Person, die den ursprünglichen konzeptuellen Sprung hatte, auf den Du Dich bezogen hast.

SC: Genau. Ich sehe alle Arten von Bewegungs-Sachen in meinem Kopf, alle Arten von Innehalten. Andere mögen diese Dinge nicht sehen - wie auch immer. Sie mögen sich auf die Sounds beziehen, die diese Dinge darstellen oder auf etwas anderes, von dem ich nichts weiß. Sie mögen Farben sehen, wo ich Bewegung sehe. Jemand anderer mag etwas riechen. Verschiedene Leute erfassen Dinge auf verschiedene Weise. Ich weiß, wie ich gestalte. Ich habe jedoch keine Idee, wie Leute das wahrnehmen werden. Zweifelsohne wird ein Typ, der den ganzen Tag lang die Spice Girls anhört, eine andere Perspektive haben. Er geht vielleicht sofort hinaus. Es mag ihn ärgern. Diese Musik hat Leute buchstäblich geärgert. Sie fühlten sich, als wären sie beleidigt worden oder so. Es war so ein starkes Gefühl. Ich mag eben eine starke Reaktion, selbst wenn es eine negative starke Reaktion ist. Für mich ist das Schlimmste eine lauwarme Rückmeldung. Ich mag diese Coltrane-Sache. Entweder man hasst es oder liebt es.

 

Zurück zu Steve Coleman

Verzeichnis aller Artikel

 

__________________________________

Fußnoten können direkt im Artikel gelesen werden, wenn man mit der Maus den Pfeil über die Fußnoten-Zahl führt.

  1. Original auf Steve Colemans Internetseite, Internet-Adresse: http://www.m-base.com/int_chenin.html

 

 

Kontakt / Offenlegung