E-Mail von Steve Coleman an Jason DuMars im Jahr 2005

Original (in Englisch): Link
Eigene Übersetzung ins Deutsche



Jason DuMars: „… Ich hatte kürzlich einen Austausch mit Steve Coleman über meinen persönlichen Kampf hinsichtlich des Nexus zwischen Jazz und meiner eigenen musikalischen Sprache. …“

Steve Colemans Antwort in einer E-Mail:

„Wenn Du über irgendwelche Etiketten nachdenkst, wird das Deine Kreativität einschränken. Zum größten Teil haben die Pioniere welcher Musik auch immer nicht im Sinne von Etiketten oder Stil-Bezeichnungen gedacht. Man kann über eine bestimmte „Form“ nachdenken (sagen wir über eine bestimmte Art von Zyklus oder was immer), aber ich denke nie im Sinne von dem, was Stil genannt wird, nicht einmal im Sinn von dem, was die Leute denken, dass es angeblich mein Stil ist. Ich denke nicht im Sinne von Stilen und sehe mich selbst nicht so, dass ich einen Stil habe. Gestalten ohne Stil im Sinn zu haben, spielen ohne zu spielen, komponieren ohne zu komponieren. Ich konzentriere mich nur auf das, was ich zu sagen versuche (mehr dazu unten). Was mich betrifft, besteht somit kein „Nexus“ zwischen der dynamischen Sprache (im Sinne von sich ständig verändernd), mit der ich im Augenblick beschäftigt bin, und der des so genannten „Jazz“, denn ich weigere mich zu akzeptieren, dass „Jazz“ existiert. „Jazz“ ist für mich der nicht-so-kreative Teil, auf den sich die meisten Leute beziehen, wenn sie manche Formen aus der Vergangenheit hören. Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausdrücke, aber ich habe die Musik von Leuten wie Duke Ellington, Don Byas, Charlie Parker, Art Tatum, John Coltrane, Muhal Richard Abrams, Henry Threadgill usw. … diese kreative Tradition nie als „Jazz“ angesehen. Es ist mir egal, wie es andere nennen und ich schenk sogar dem, wie diese Leute (d.h. die Musiker) es nennen, keine große Beachtung. Ich sag Dir einfach meine ehrliche Meinung dazu. So gibt es für mich keinen „Nexus“, ich brauch mich nicht um irgendeine Art von Konsistenz zu kümmern, während ich bloß mit dem beschäftigt bin, von wo ich herkomme, und ich versuche, möglichst wahrhaftig und konsistent mit mir selbst zu sein – in allen Bereichen des Lebens. Ich denke, wenn ich in dieser Sphäre bleiben kann, mit dieser Schwingung lebe, dann erledigen sich die Dinge von selbst.

Letztlich glaube ich, dass die Menschen die lebendige Verkörperung der Kreativität sind, dass wir nicht zu „versuchen“ brauchen, kreativ zu sein – wir müssen einfach Wissen darüber haben, was wir sind, und die Kreativität kommt auf natürliche Weise aus unserem In-Harmonie-Sein mit unserer wahren Natur.

Das ist die einfachste Weise, wie ich das ausdrücken kann.

In meinem Fall ist der Fokus immer darauf gerichtet gewesen, was ich zu sagen versuche (wobei ich die Musik als eine klangliche symbolische Sprache verwendet habe) und wie ich es sagen möchte. Als ich zu lernen begann, wie man spielt, haben die alten Füchse in der South Side von Chicago immer betont: „Finde deinen eigenen Sound“, „Finde heraus, was du sagen willst“, „Was ist deine Geschichte“ und so ein Zeug. Da sie alle ziemlich einzigartig klangen, interpretierte ich das so, dass ich musikalisch meinen eigenen Weg finden muss, um das zu sagen, was ich sagen möchte. So begann die Suche, noch bevor ich irgendetwas auch nur halbwegs gut spielen konnte. Das bedeutete, dass ich die Grundlagen der Musik lernte und gleichzeitig herausfand, was ich sagen möchte und wie ich es sagen möchte, indem ich Musik als meine Sprache verwende.

Das Witzige ist dabei, dass mir IMMER NOCH vorkommt, dass das genau das ist, wo ich jetzt bin! Ich versuche immer noch sehr, die GRUNDLAGEN der Musik zu lernen - oder ich sollte sagen, dass ich jetzt mehr als je zuvor versuche, die GRUNDLAGEN der Musik zu lernen. Und ich versuche definitiv immer noch, das Was, Warum und Wie in meinem Ausdruck von dieser Musik auszuarbeiten.

Jason, was für mich die Dinge wirklich geklärt hat (und ich hatte ein langes Gespräch mit Michael Brecker darüber), war, dass ich gewissermaßen in den Griff bekam, „was ich mit meiner Musik zu sagen versuche“.

Wir hören oft Leute darüber reden, dass man mit seiner Musik oder sogar mit seinem Solo „eine Geschichte erzählt“, aber was ist damit gemeint? Es ist zu komplex, um in einer E-Mail in Details zu gehen (ich könnte versuchen, einmal ein kleines Buch darüber zu schreiben), aber ich denke, dass es einfach die selbe Sache meint, was normalerweise das „Erzählen einer Geschichte“ für eine Person bedeutet. Was ich jedoch herausgefunden habe, ist, dass ich mir anschauen musste, was „eine Geschichte erzählen“ in alten Zeiten, also vor sehr langer Zeit, für die Leute bedeutete. Denn „eine Geschichte erzählen“ war damals nicht genau das Selbe wie heute. Damals bedeutete „eine Geschichte erzählen“, mithilfe von Symbolen über etwas zu sprechen, das ein Prinzip auf mehrfachen Ebenen deutlich machte. Heute mag „eine Geschichte erzählen“ für jemanden bedeuten, über etwas Spezifisches zu sprechen, wie zum Beispiel über eine Beziehung, die man zu einer Frau hat oder so etwas. So begann ich, mir die Arten von Geschichten anzusehen, die Leute wie Bach, Beethoven, Bartok, Parker, Coltrane usw. erzählten, neben anderen Arten von Musik aus Afrika, Asien usw.. Ich wollte herausfinden, was diese Geschichten waren und wie sie musikalisch erzählt wurden.

Das half mir eine Menge, denn ich begann an diesem Punkt, mich auf das „Warum“ und das „Was“ dessen, was ich zu sagen versuche, zu konzentrieren, und der „Wie“-Teil erledigte sich gewissermaßen von selbst. In meinen sehr frühen Jahren war ich mehr auf diesen Rhythmus, diese Melodie, diese Harmonie, diese Form, diese Phrasierung und solche Dinge konzentriert. Aber trotzdem entdeckte ich schließlich, dass es eine Verbindung gab zwischen damals, als ich intuitiv herausfand, was und wie ich spielen wollte, und dieser späteren Periode, in der mich bei dem, was ich zu sagen versuche, mehr der Teil der Botschaft beschäftigt.

Was die Kompositionen anbelangt, so habe ich immer Songs über irgendetwas geschrieben. Es war also immer ein Thema zur Hand. Letztlich gibt es für mich zwischen Komposition und Improvisation keinen Unterschied. Ich betrachte Improvisation als „spontane Komposition“. Es ist einfach eine Frage der Methode des Gestaltens. Spontane Komposition erfordert, dass man die Fähigkeit entwickelt, Dinge in Echt-Zeit, im Moment zu gestalten. Man muss also Fähigkeiten entwickeln, die dieser Aufgabe entsprechen. Die Dinge, die ich spontan gestalten möchte, sind aber nicht anders als die Dinge, die ich durch überlegte Komposition gestalten möchte. Viele meiner so genannten überlegten Kompositionen beginnen als spontane Kompositionen und ich notiere sie später einfach. Woran ich eine Menge arbeite, das sind die klanglichen Formen (Rhythmik, Melodik, Harmonik, Tonalität, Formen usw.), die die Symbole in meiner Symbol-Sammlung bilden, und das ist die Grundlage meiner musikalischen Sprache. Dann arbeite ich daran, diese Formen so zu verinnerlichen, dass ich sie - oder ähnliche - spontan über das Gefühl hervorbringen kann. Ich wähle aber Formen nicht einfach zufällig oder einfach nach dem, was ich hören möchte oder so. Die Formen sind ein großer Teil von dem, was ich sagen möchte, da sie selbst die klanglichen Symbole sind, die diese Botschaften der mehrfachen Ebenen tragen.

Leroys [Vinnegar, ein Bassist, den Jason DuMars erwähnte] letztes Geschenk an mich war, ihn nicht mit einem Bass in seiner Hand, sondern mit Kindern zu seinen Füßen zu sehen, die lernten und sich entwickelten, während er etwas in ihnen nährte, das viel tiefer ist als musikalische Wertschätzung. Er hatte eine Geschichte zu erzählen, genau so wie ich und genauso wie Du. Einer der schwierigsten Aspekte davon, das anzunehmen, ist, zu realisieren, dass unsere eigenen Geschichten genauso viel der Welt zu bieten haben wie die von anderen auch, Und in vielfacher Weise sind unsere Geschichten die Verkörperung des Lebens, das wir führen, unserer Hoffnungen, unserer Ängste, Erfahrungen und Entscheidungen. Letzten Endes ist das, was aus unseren Instrumenten kommt, eine Abbildung unserer Seelen, wenn wir das zulassen. Die Falle, in die wir als „Jazz-Musiker“ gehen, ist die, die Geschichte von jemand anderem zu erzählen (bzw. es zu versuchen), als ob sie unsere eigene wäre. Im Außermusikalischen betrachten wir so etwas als Fabel oder Legende. Man kann eine sehr faszinierende Geschichte wiederholen, aber man kann sie niemals mit der gleichen Leidenschaft und Tiefe erzählen wie eine Geschichte, die man gelebt hat. Für die Musik gilt das selbe. Wir können eine Phrase oder eine Passage genauso spielen wie einer der Großen, aber sie ist nicht unsere. Sogar Songs oder Akkord-Wechsel gehören jemand anderem. Das ist der wesentliche Grund dafür, warum ich mich entschieden habe, andere Welten der Improvisation und spontanen Komposition zu erkunden, statt mich auf das Lernen von Standards oder das Transkribieren von Soli anderer zu konzentrieren. Auf einer tiefen Ebene verstehe ich, warum dieser Pfad des Lernens so oft gewählt wird. Es ist in vielfacher Hinsicht der Unterschied zwischen dem akademischen Lesen über etwas und dem Selbst-Tun. Diese beiden Herangehensweisen ergeben ein unterschiedliches Set von Ergebnissen in Bezug darauf, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir selbst wahrgenommen werden. Musik ist für mich sehr weit vom Akademischen oder Gesicherten entfernt. Wenn ich improvisiere, dann mag ich es, im Moment zu leben, zu riskieren, Sachen zu machen, die ich noch nie gemacht habe. Jedes Mal, wenn wir unsere Instrumente spielen, haben wir diese Möglichkeit. Wenn Musik zu einem puren akademischen Streben wird, dann wird die Sprache zum Selbstzweck, statt dass sie das Mittel zum Zweck ist. Die Sprache ist lediglich die Beschreibung von etwas und nicht die Sache selbst. Und diese Unterscheidung wird für jeden Musiker, der eine Geschichte erzählen möchte, entscheidend. Es geht nicht um die Worte oder Noten. Manchmal ist es ein Schrei. Manchmal ist es Stille. Du erkennst, wenn es echt ist, und auch das Publikum erkennt das, denn es fühlt es, sieht es, glaubt es.“

 

 

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