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Aussagen von Steve Coleman in einem von ihm geleiteten Workshop im April 2004

Eigene Übersetzung

 

Jen Shyu (Sängerin der Coleman-Band): … der Clave-Rhythmus, der Schlagzeug-Part, was der Bass macht, Jonathan [der Trompeter] hat einen speziellen Part, wie die Melodie verläuft … Was ich alleine übe, ist hauptsächlich, zu versuchen, so viele Parts wie nur möglich gleichzeitig zu spielen. Das ist der herausfordernde Teil. Man hat 2 Hände, 2 Füße und einen Mund und so versucht man, so viele Parts, wie man nur kann, zu spielen - mit seinem eigenen Körper. (4/23:50)

Steve Coleman: Es geht einfach darum, Melodien zu lernen, egal ob die Melodie ein Rhythmus ist oder was immer. Es geht darum, Melodien zu lernen. Das ist alles. Der wichtige Teil ist die Beziehung von etwas zu etwas anderem. (4/26:30)

Steve Coleman: Grundsätzlich ist es wie ein Kreuzwort-Rätsel oder so etwas. Man beginnt zu sehen, wie die Dinge wie Zahnräder ineinander greifen und wie sie sich bei der Bewegung durch die Zeit aufeinander beziehen. (4/29:55)

Steve Coleman: Der Punkt ist, zu versuchen, den Rhythmus von beiden Dingen zu spüren – idealerweise. Und in der Lage zu sein, sich in die Spalte zu begeben, die von ihnen gebildet wird, in den akustischen Bereich … Das eine ist simpel und das andere ist simpel, wenn sie zusammenkommen, dann bilden sie etwas weiteres, das keineswegs simpel ist. Und es ist dieses „etwas weitere“, das ich mir in meinen Improvisations-Bestrebungen vorstelle. (5/2/13:05)

Steve Coleman: Die wichtigste Sache, der ich bewusst zu folgen versuche, sind die Dinge, die ich in der Natur, im Universum finde. Und ich sehe das Universum als eine Art gigantische Palette von … Wir haben keine Sprache dafür, aber die Sprache, die ich dafür verwende, ist Formen in Formen … Formen in Formen in Formen … unendlich … eine Art … ich hab nicht wirklich ein Wort dafür … manche Leute denken darüber als Faktoren und all dem … aber ich denke nicht so … ich sehe all diese verschiedenen Formen … man kann es Formen, Systeme, Logik nennen … ich nenne es Formen, Erscheinungsformen sind es eigentlich, wie ich sie nenne, denn diese Dinge sind tatsächlich Kontinui, die … es ist schwer, das auszudrücken … sich etwas Definierbarem annähern, aber es nie exakt werden … es ist so etwas wie Formen in Bewegung … Man kann sich eine Form wie eine Amöbe vorstellen, bei der es eine annähernde Gestalt gibt mit diesem Tropfen und Verändern und so weiter. Die Formen in der Natur erscheinen in dieser Weise und ich versuche ziemlich viel, das in meiner Musik nachzubilden. Da gibt es wirklich eine Menge verschiedener Dinge. Da gibt es nicht eine Sache, die geschieht, oder eine Idee. Es laufen da viele verschiedene Ideen ab und man versucht, sie zu harmonisieren, dazu zu bringen, dass sie in irgendeiner Weise miteinander funktionieren. Denn das ist die Art, wie ich das Universum sehe. Ich sehe das Universum als eine Menge Zeug da draußen, das abläuft und in irgendeiner Weise harmonisiert ist, egal welchen Aspekt man betrachtet, ob man die mikroskopische Welt betrachtet oder das Sonnensystem. Es ist erstaunlich, wie all diese Dinge am Laufen bleiben und weitermachen, wie eine riesige Batterie [lacht] oder sonst etwas, das nie ausfällt. Und das Zeug funktioniert, es gibt kein Chaos, keine Verspannung usw., sondern es gibt ein ständiges Zusammenkommen und Auseinandergehen. Ich erwähnte gestern das Verbinden und Lösen. Und ich versuche, das in meiner Musik ablaufen zu lassen. Denn das an sich ist für mich schön. Die Schönheit ist für mich nicht irgendeine einfache, weiche [er deutet gestisch ein Geigen-Spiel an] Kastagnetten-Sache oder was man auch immer im Radio oder so hört. Für mich ist die Schönheit ein Zusammenspiel dieser Formen. Von diesem Standpunkt aus ist also ein Wirbelsturm - obwohl er sehr zerstörerisch ist – gleichzeitig sehr schön. Oder ein Löwe, der ein Reh jagt … der Löwe jagt Rehe? [lacht], egal, Gazellen, was auch immer … ich meine, das kann eine sehr schöne Sache sein. Wenn der Löwe allerdings hinter einem selbst her ist, dann mag das nicht so sein [lacht] - genau die selbe Perspektive. – Viele Dinge im Universum haben diese Art von Dingen und ich versuche, diese Art … diese Art von Dingen ist für mich sehr schön – diese Gegensätze und all das. Das strebe ich also an. Dabei denke ich an eine Menge verschiedener Dinge aus vielen verschiedenen Perspektiven: da gibt es spirituelles Zeug, Träume, Logik, Zahlen-Zeug … alles. Ich verwende alles, was verfügbar ist. Leute sagen: „Verwendest Du dies?“ und „Verwendest Du das?“. Ich verwende alles, was ich möglicherweise verwenden kann, um etwas zu entwickeln. Ich meine wilde Analogien oder was immer. Denn in meinen Augen hat man all das in sich und der Punkt ist, all das zu verwenden, um sich auszudrücken. Ich schließe also nichts aus. Das ist mein Zugang. […] Verschiedene Leute greifen verschiedene Dinge auf. Manche Leute sagen: „Oh Mann, dein rhythmisches Zeug ist wirklich …“ und sie konzentrieren sich auf das. Andere beziehen sich auf die harmonischen Aspekte. Andere Leute greifen andere Dinge auf ... Melodien … verschiedene Leute greifen verschiedene Dinge auf. All das ist gewissermaßen vorhanden. […] Meine Sache ist es, zu versuche, all diese Bereiche zu entwickeln, und zwar dynamisch zu entwickeln. Ich meine die sich in der Zeit bewegende Version davon. Ich übe eine Menge ‚in der Zeit’. Ich weiß, andere Leute üben zum Beispiel […] In der Aufführung bewegen sich die Dinge, da gibt es Bewegung, man kann nicht stoppen und überarbeiten […]. Wenn ich zu euch spreche, denke ich an die Ideen, die ich ausdrücke, und da gibt es eine Menge Fehler in der Sprache, die ich mache, aber ich kümmere mich nicht darum, sondern ich kümmere mich um die Ideen, die ich zu kommunizieren versuche. Wenn man eine Rede schreibt oder in einem Brief antwortet, dann korrigiert man alles … das ist so, wie man eine Komposition schreibt. In der Improvisation kann man das aber nicht machen. Die Fehler sind da. Es sind nicht einmal wirklich Fehler. Es ist einfach ein Bestreben, sich auszudrücken, und man sorgt sich nicht darum. Aber man versucht, immer besser zu werden und es schon beim ersten Mal in die Form zu bringen, die man will. Was man also zu tun hat, ist, zu üben, Dinge zum ersten Mal zu tun. Wenn es nicht gelungen ist, geht man weiter zur nächsten Sache. Man muss üben, in diesem Zustand zu sein, denn auf der Bühne ist man nur in diesem Zustand. Wenn man zuhause etwas übt und dann beim Auftritt erwartet, dass es spontan ist, wird das nicht eintreten. Es wird eben das sein, was immer man zuhause geübt hat. Ich meine also, die Sache ist, man muss sich in den Zustand der Aufführung versetzen. Sie alle machen das Zeug – ältere Meister haben mir das erzählt, ich hörte, dass es Monk machte, eine Menge verschiedener Leute – und man kann es in ihrem Spiel hören, denn man kann hören, wie stark sie sind - wenn sie rhythmisch spielen usw.. Sie üben das Zeug nicht, indem sie es immer wieder durchgehen. Ich meine also, in einem Großteil der Zeit geht es mehr um einen Zustand des Geistes, des Bewusstseins – darum, sich in den Moment des Spielens zu versetzen. Cecil Taylor fragte einmal einen Typen in einem Workshop, was er übe. Und der Typ sagte: „All die üblichen Dinge, Skalen, Arpeggien usw.“. Cecil sagte: „Ist es das, was du spielen willst, wenn du spielst?“ Der Student sagte: „Nein, ich möchte Musik spielen.“ Cecil: „Warum übst du das dann?“ Sicher werden die meisten Studenten sagen: „Ah, das ist eine tolle Geschichte!“ und sie gehen heim und üben wieder genau das, was sie bisher geübt haben [lacht]. Aber ich denke, was er meinte … ich meine, das heißt nicht, dass man nie Skalen, Arpeggien und dieses Zeug üben sollte, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass zumindest die Hälfte oder mehr vom Üben mit dem verbracht werden sollte, was man letztlich zu machen versucht. Okay, wenn man viel Noten liest und in einem Orchester spielt usw. … dann ist es eben das. Wenn man aber ein Improvisator ist und es das ist, was man versucht, dann sollte man viel Zeit damit verbringen, in der selben Situation zu sein wie beim Aufführen [… …]. Üben ist sehr verschieden vom Aufführen, es sei denn, man gestaltet es wie das Aufführen. Auch beim Boxen ist das Sparring sehr verschieden zum tatsächlichen Kampf im Ring. Aber man muss sich selbst eben in diese Situation versetzen. […] Wenn man also besser werden möchte im Reagieren auf die Dinge, in der Reflex-Sache usw., dann muss man das machen. […]. Nicht viele Leute spielen, was die älteren Meister „off the top of the head“ [direkt aus dem Kopf] nennen. Damit ist gemeint, dass es da einiges gibt, das man noch nie gespielt hat. Wie kommt man dazu? Das ist die Frage. Wie übt man, Dinge zu spielen, die man noch nie gespielt hat? Kreativität ist nicht einfach ein Knopf, den man drückt und eines Tages tritt sie ein. Man muss üben, kreativ zu sein. Die meisten der kreativen Leute, mit denen ich gesprochen habe, haben mir das erzählt. Sie alle sagen das selbe. Sie üben, kreativ zu sein. (4/32:05)

 

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