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Steve Coleman über Parallelen zwischen musikalischer Improvisation und Boxen

Übersetzung von Ausschnitten aus Colemans Artikel The Sweet Science: Floyd Mayweather and Improvised Modalities of Rhythm (Die süße Wissenschaft: Floyd Mayweather und improvisierte Modalitäten des Rhythmus), Dezember 20031)

Eigene Übersetzung

 

Was Boxen für mich zur „süßen Wissenschaft“ macht, ist nicht einfach das Austragen eines Kampfes zwischen zwei Kerlen in einem „Wer-fällt-zuerst“-Szenario. Es geht mir vielmehr darum, echte Geschicklichkeit und Kunst im Ring zu sehen. Dem Kampf von Floyd Mayweather Jr. gegen Phillip Ndou am 1.10.2003 zuzuschauen, war ein Vergnügen - nicht einfach, weil Floyd gewann, sondern wegen der „Art“, wie er gewann.
Im Boxen wird der Abwehr oft nicht die Beachtung geschenkt, die sie verdient, und Floyds Abwehr ist eine der besten, die ich jemals gesehen habe.
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Für Floyd Mayweathers Abwehr ist entscheidend, dass er ständig in Bewegung ist, und genauso die Rhythmik, Geschwindigkeit und Gewandtheit seiner Bewegungen. Das ist es, was seine Abwehr so wirkungsvoll macht. Ich bin ein improvisierender Musiker (Saxofonist), der vom Rhythmus fasziniert ist, und ich neige dazu, auf Dinge zu achten, die mit Timing zu tun haben. Tatsächlich ist meine Musik von gewissen Techniken des Boxens beeinflusst - so wie die Musik vieler anderer improvisierender Musiker.

Floyd rollt, gleitet, schwenkt sich ständig in seiner Taille, täuscht, bewegt sich rasch hin und her, schlängelt sich, während sein Gegner zuschlägt. Floyd entwickelt ständig verschiedene „Modi“ der Bewegung. Der Rhythmus des ‚Rollens’ ist sehr interessant, denn die meisten Gegner wechseln ihre Schläge in einer sehr vorhersehbaren Weise. Sie verdoppeln in der hektischen Aktivität nur gelegentlich mit der selben Hand. Als ich in Chicago lebte, haben wir für diesen Verdoppelungs-Effekt in der Musik üblicherweise den Ausdruck „going back for more“ verwendet. Floyd verändert das Rollen seines Körpers mit dem Rhythmus der Schläge. In der seltenen Situation, dass der Kämpfer mit der selben Hand verdoppelt, erkennt Floyd das und improvisiert; in einer Serie von „Richtungsänderungen“ seines Rollens passt er seinen Rhythmus an. Das, worum es dabei geht, ist das Timing. Alle Kämpfer haben einen Rhythmus in ihren Bewegungen, der von einem erfahrenen Gegner nach einigen Runden des Boxens getimet werden kann. Es gibt gewöhnlich insgesamt 3 unterschiedliche rhythmische Formen: das, was ich den Set-up-Rhythmus nenne (vorbereiten zum Schlagen oder warten um zurückzuschlagen, abhängig vom Stil des Boxers), der Rhythmus der Angriffs-Bewegung und der Rhythmus der Abwehr-Bewegung. Floyd variiert - wie viele großartige Boxer - diese Rhythmen in subtiler Weise, sodass es für Gegner schwer ist zu timen, und Floyd kann nahtlos von einem Rhythmus zum nächsten gleiten, ohne jeden Bruch im Ablauf. Normalerweise wird sich der Gegner nicht einmal bewusst, dass der Wechsel eingetreten ist, und dann ist es zu spät.

Das ist etwas, was sehr schwer beizubringen ist. Ein Boxer muss das selbst herausfinden. Die Art, wie das gemacht wird, ist ähnlich wie die meisten Formen des Tanzes der Leute der afrikanischen Diaspora (und wie in anderen Sportarten wie Basketball, Football, Capoeira usw.), wo es eine Gewandtheit in der Richtungsverlagerung gibt, die auf Timing beruht. Ich verwende gerne die Analogie zur Improvisation in der Musik: Da gibt es ein Gefühl, in einer Zone zu sein, während der du das Spiel der Rhythmen im Verlauf der Zeit visualisierst und sich alles in einer Art Zeitlupen-Tanz bewegt. Der Geist arbeitet auf einer Ebene, wo die Zeit außer Kraft gesetzt zu sein scheint und wo die sich ständig verändernden „Pfade der Möglichkeiten“ vor dir zu liegen scheinen.

Zum Meister-Boxer wie auch zum Musiker braucht es eine Menge Vorbereitung. Die verschiedenen „Pfade der Möglichkeiten“ wurden studiert, ausgearbeitet, analysiert und verinnerlicht, sodass der Geist und der Körper schließlich darin trainiert sind, auf die dynamischen Konfigurationen, die sich in der Realität ergeben, reflexartig zu antworten. Die Kunstfertigkeit zeigt sich, wenn sich die Muster unerwartet verändern und ein anderer Fluss aufgebaut wird. Der Meister-Boxer (oder Musiker) muss dann den Wechsel timen und die Antwort-Muster mitten im Flug anpassen. Natürlich wird ohne intensive Einsicht, Erforschung und Training nichts davon zustande kommen und das grundlegende Erkennen dieser Dynamiken ist entscheidend für das Wissen, wie man sich vorbereitet und trainiert.
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Kreatives Improvisieren ist in vielen Aspekten den Box-Techniken, die ich hier beschreibe, sehr ähnlich. Beim Improvisieren muss man nicht nur auf die dynamische Struktur der Komposition, die man spielt, reagieren, sondern auch auf die Möglichkeiten, die sich aus den Beiträgen der anderen Instrumentalisten ergeben. In gewisser Weise ist die Musik selbst dein „Gegner“. Eine der Herausforderungen ist es, deine Reaktionen im laufenden Funktions-Fenster der Zeit auszuführen, während man sich doch auch mit den Nuancen der Struktur befasst. Zusätzlich muss der Musiker die Details des spontanen Komponierens von musikalischen Phrasen zustande bringen, die das darstellen, was du versuchst, in deiner Musik zu „sagen“. Das geschickt zu tun, ohne sein Gleichgewicht zu verlieren, ist nicht einfach. Es muss eine fein abgestimmte und laufend angepasste Balance entwickelt werden, um auf die sich verändernden musikalischen Bedingungen reflexartig reagieren zu können. In dieser Hinsicht ist es ähnlich wie bei den Reaktionen der großen Boxer.

Das ist in jeder Musik und bei jedem Boxen so, in der afrikanischen Diaspora geht es aber bei diesem Balance-Akt zusätzlich genauso sehr um den Stil (also WIE es gemacht wird) als darum, WAS gemacht wird. Stil ist in der afrikanischen Art des Seins schon immer wichtig gewesen. Für die Großstadt-Kinder hat das Vorführen ihrer Basketball-Fähigkeiten, das Einwerfen des Balls in den Korb und „wie“ das gemacht wird gleiche Wichtigkeit. Das gleiche gilt für die unzähligen Jam-Sessions der Musiker oder Freestyle-Sessions der MCs. Was am Stil am wichtigsten ist, das ist der Rhythmus, das Timing und die „Geschicklichkeit (Glätte)“. Das gilt genauso für das Tanz-Programm der Nicholas Brothers wie für eine Charlie-Parker-Improvisation. Wenn auch der Inhalt auf einem hohen Niveau ist, dann beginnt es die Form von hoher Kunst anzunehmen.

Die Rhythmen könnte man als sich verändernde Muster von Sound im Wechsel mit Stille ansehen. Wenn man Meister wie den Boxer James Toney oder den Schlagzeuger Max Roach mit Rhythmen spielen sieht und hört, dann ist das wie ein Zickzack-Lauf durch einen Hindernis-Kurs mit einem gewissen Stil – also ständige Veränderung der Geschwindigkeit, der Richtung, der Schwenkbewegung und der Drehbewegung, des Abtauchens, des Schaukelns, des loslösenden Ausweichens, des Vortäuschens, des Schlängelns, des Seitwärts-Gleitens, des Abwinkelns …

All das ist Teil des Repertoires des sich ständig verändernden, ausbalancierenden Verhaltens, mit dem die Perspektive des Betrachters abgewandelt wird – eine Art von geschickter Bewegungs-Geometrie. Ich bezeichne diese verschiedenen Typen von ausgleichenden Bewegungs-Techniken als „Modalitäten des Rhythmus“. Das sind Fähigkeiten, die man am deutlichsten bei den Meister-Trommlern in West-Afrika findet und ich assoziiere mit dieser Modalität immer das Meister-Trommeln.

In Verbindung mit der Bewegung und der Art der Ausgestaltung haben die Gebilde aus Sound und Stille einen gewissen „Groove“ an sich, einen Swing, der nicht mit Worten adäquat beschrieben werden kann, sondern erfahren werden muss. In einer gewissen Analogie verbinde ich Offensive mit Sound und Defensive mit Stille. Es ist der nahtlose Übergang zwischen den beiden, die Ebbe und Flut zwischen den unterschiedlichen „Modi des Seins“, die hier das entscheidende Konzept darstellen.

Diese Tradition ist immer vom Meister zum Studenten weitergegeben worden, hauptsächlich durch das Erfahren des „Feelings“ für diese Modalitäten und durch die Verwendung von Analogien, mit denen Informationen weitergegeben werden. Der Einblick, der durch diese Erfahrungen erreicht wird, und die Fähigkeit, diese Erfahrungen umzusetzen, machen das aus, was Meister hervorbringt.

 

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  1. Original auf Steve Colemans Internetseite, Internet-Adresse: http://m-base.com/essays/the-sweet-science/

 

 

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