Überblick über Steve Colemans
Herkunft, Einflüsse und Aktivitäten

Chicago
Steve Coleman wurde am 20. September 1956 in Chicago geboren und wuchs im Chicagoer Stadtviertel „South Side“ in einem ausschließlich afro-amerikanischen Umfeld auf, in dem Musik (insbesondere afro-amerikanische Musik in den unterschiedlichsten Formen) eine wichtige, alltägliche Rolle spielte. Er sang als Kind ein wenig in der Kirche und in den damals aktuellen kleinen Gruppen, die die „Jackson 5“ nachahmten, und begann mit 14 Jahren Alt-Saxofon zu spielen [Näheres] [Näheres]. Im Alter von 17, 18 Jahren wurde seine Beschäftigung mit Musik sehr ernsthaft. Seine Bemühungen, improvisieren zu lernen, führten ihn zur Musik von Charlie Parker, die sein Vater sehr oft hörte und die dann zum wahrscheinlich wichtigsten Einfluss wurde [Näheres] [Näheres]. Die Musik und die geistige Orientierung von John Coltrane waren für ihn allerdings kaum weniger richtungsweisend [Näheres] [Näheres] und auch die Aufnahmen von Sonny Rollins und anderer Vertreter dieser Musiktradition beeinflussten ihn. Coleman studierte damals 2 Jahre lang an der Illinois Wesleyan Universität und wechselte dann zur Roosevelt Universität (Chicago Music College) in der Innenstadt von Chicago, um Anschluss an die dortige Musik-Szene zu finden. So kam er unter anderem mit den älteren Chicagoer Saxofonisten Von Freeman [Näheres] [Näheres] und Bunky Green in Verbindung, die für seine weitere Entwicklung bedeutend wurden. Er bezog wichtige Anregungen aus der Beschäftigung mit Aufnahmen west-afrikanischer Musik, hatte Kontakt zu Sonny Stitt [Näheres] und wurde auch von natürlichen Dingen, wie den Flugmustern von Bienen [Näheres] musikalisch inspiriert.

New York    
Um sich weitere Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen, zog er im Mai 1978 per Autostop nach New York und wohnte zunächst für ein paar Monate in einem Heim. Es war ihm ein Anliegen, Erfahrungen in einer Big-Band zu sammeln, und er erhielt ein Engagement in der Thad Jones/Mel Lewis-Big Band, auf das weitere folgten, unter anderem in den Big Bands von Sam Rivers und Cecil Taylor [Näheres]. Bald war er auch an CD-Aufnahmen bekannter Musiker wie David Murray, Doug Hammond, Dave Holland [Näheres], Mike Brecker und Abbey Lincoln beteiligt. Von den Musikern, mit denen er bis dahin persönlichen Kontakt hatte, wurde er vor allem von Von Freeman  hinsichtlich der Improvisation beeinflusst, von Sam Rivers hinsichtlich der Komposition und von Doug Hammond hinsichtlich des konzeptuellen Verständnisses. Einen großen Teil seiner ersten Zeit in New York verbrachte er damit, in einer Straßenmusik-Band, die er mit dem Trompeter Graham Haynes zusammengestellt hatte, zu spielen und damit auch ein wenig Geld zu verdienen. In dieser Gruppe entwickelte er seine Improvisations-Weise und aus ihr ging dann später die erste „Steve Coleman and Five Elements“-Band (benannt nach einem Kung-Fu-Film [Näheres]) hervor, die – neben den später dazugekommenen Formationen - nach wie vor seine Haupt-Gruppe bildet [Näheres]. Die Gruppe erhielt erste Auftrittsmöglichkeiten in kleinen, abgelegenen Klubs in Harlem und Brooklyn, wo Coleman sein Konzept der Improvisation innerhalb ineinander verschachtelter, kreisender Strukturen weiterentwickelte und verfeinerte.

M-Base
Mit dem so genannten „M-Base“-Konzept verständigte sich Coleman damals zusammen mit anderen jungen Musikern – vor allem Greg Osby und Cassandra Wilson – auf eine gemeinsame geistige Haltung, aus der heraus die Beteiligten in jeweils eigener Weise ihre Musik vorantrieben. Eigene aktuelle Erfahrungen der Musiker sollten durch eine kreative Musik ausgedrückt werden, in der Improvisation, aber auch Strukturierung eine zentrale Rolle spielen und die auf einer „nicht-westlichen“, vor allem aus afrikanischen Kulturen stammenden Sichtweise und Ausdrucksart beruht. In dieser Richtung wurde eine – wenn auch sehr weit verstandene - gemeinsame musikalische Sprache in einer Art weit gefasstem Kollektiv angestrebt. Jazz-Kritiker griffen den Begriff „M-Base“ aber auf, um damit einen neuen Jazz-Stil zu propagieren, als dessen führende Persönlichkeit sie Steve Coleman – gegen seinen Willen - herausstellten, was zu Missverständnissen auch unter den beteiligten Musikern führte. Coleman hat – im Gegensatz zu etlichen anderen Partizipanten – die damals skizzierten Ideen bis heute weiter verfolgt. Näheres zu „M-Base“: LinkLink, Link

Alben
Im Jahr 1985 nahm Steve Coleman mit der deutschen CD-Firma JMT sein erstes Album als Bandleader auf und er hat seither mit einer mehrmals veränderten Kernbesetzung und vielen wechselnden weiteren Musikern eine Reihe sehr unterschiedlicher Aufnahmen gemacht. Im Handel nicht mehr erhältliche Alben bietet Steve Coleman auf seiner Internetseite zum kostenlosen Herunterladen an [Näheres].

Afrika, Kuba, Ägypten, Indien
Die bereits in den 70er Jahren begonnene Beschäftigung Colemans mit west-afrikanischer Musik und mit ihrer Verbindung zu afro-amerikanischer Musik weckte sein Interesse an den Weltbildern und Denkungsweisen der alten Kulturen, die diese afrikanischen Musikarten hervorgebracht hatten. Um zusätzlich zu dem, was er gelesen und an Aufnahmen gehört hatte, Eindrücke zu gewinnen, reiste er im Dezember 1993 für 5 Wochen nach Ghana und besuchte dort unter anderem das kleine Dorf Yendi, wo er mit der Kultur des Dagomba-(Dagbon)-Volkes in Berührung kam. Diese Erfahrungen hatten eine tiefgreifende Wirkung auf Colemans Musik und Sichtweise, die sich in ersten Ansätzen in den im Jahr 1994 entstandenen Aufnahmen des Albums Def Trance Beat niederschlug [Näheres] [Näheres].Steve Coleman beabsichtigte bereits damals, mit Musikern, die alte, aus West-Afrika stammende Traditionen pflegen, zusammenzuspielen. Sein Interesse bezog sich vor allem auf die aus dem westlichen Nigeria stammenden Yoruba-Traditionen, die in Cuba und Puerto Rica in der „Sanetria“-Religion, im brasilianischen Bahia als „Candomble“ und in der „Voodoo“-Religion Haitis fortbestehen. Coleman reiste nach Kuba und stellte dort fest, dass unter dem  Namen „Santeria“ mehrere afrikanische Kulturen vermischt waren: neben Yoruba-Traditionen auch die der Abakua Gesellschaften (aus Süd-Ost-Nigeria und Süd-West-Kamerun), verschiedene Arara Kulte (aus Dahomey) und Traditionen aus dem Kongo wie Nganga, Mayombe und Palo Monte. Er fand eine Gruppe, die all diese Traditionen und auch die verschiedenen Rumba-Stile bewahrte und die sich AfroCuba de Matanzas nannte. Mit ihr arbeiteten Coleman und die 10 Musiker und Tänzer, die er mitgebracht hatte, 12 Tage lang zusammen, um schließlich auf dem Havana Jazz Festival aufzutreten und danach das Album The Sign And The Seal (1996) aufzunehmen. Ein Teil der kubanischen Musiker war auch an der Musik des nachfolgenden Albums Genesis (Teil des Doppel-Albums Genesis And The Opening Of The Way, 1997) beteiligt [Näheres]. Im Jahre 1997 reiste Steve Coleman mit US-amerikanischen und kubanischen Musikern nach Senegal, um mit der dort beheimateten Gruppe Sing Sing Rhythm zusammenzuspielen. Anfang 1998 unternahm er eine Reise nach Ägypten, verfolgte dort die Spuren des alten Ägypten und machte in der Königskammer der Cheops-Pyramide Aufnahmen von seinem Saxofon-Solo-Spiel (begleitet von starkem Nachhall), von denen er später einen Ausschnitt in das Stück Ausar (Reincarnation) des Albums The Sonic Language of Myth einfügte. Danach fuhr er nach Süd-Indien, wo er und seine Gruppe mit indischen Musikern der Musiktradition Karnatakas zusammentrafen und er in dem vom Musikwissenschaftler Dr. K. Subramanian geleiteten Brahavadhi Zentrum Workshops leitete [Näheres]. Seine in dieser kulturellen Begegnung gewonnenen Erfahrungen spiegeln sich in den nachfolgenden Alben The Sonic Language Of Myth (1998) und The Ascension To Light (1999) wider.

Computer
Bereits seit den 1980er Jahren beschäftigte sich Coleman mit den musikalischen Möglichkeiten der Verwendung von Computer-Programmen. Er setzte Teile seiner musikalischen Konzepte in Programme um und gewann umgekehrt aus den von ihm erstellten Programmen Anregungen für seine musikalischen Konzepte [Näheres]. In den 1990er Jahren entwickelte er ein improvisierendes Computer-Programm (Rameses 2000), das dann im Pariser Forschungszentrum für Computer-Musik IRCAM mit Hilfe von Programmierern weiter ausgestaltet und schließlich bei einem Auftritt der Coleman-Gruppe am 11. Juni 1999 in Paris als interaktives „Bandmitglied“ eingesetzt wurde.

Dokumentarfilm
Die Begegnungen mit afro-kubanischen, senegalesischen und indischen Musikern, die Reise nach Ägypten und das Rameses 2000-Projekt sind – neben anderen Aktivitäten Colemans - im Film Elements of One (DVD) dokumentiert [Näheres].

Pause
Im Jahre 2000 setzte Steve Coleman seine Auftritte fast vollständig aus, unternahm ausgedehnte Reisen nach Indien, Indonesien, Kuba und Brasilien und begann eine bis 2002 währende Lehrtätigkeit als Gastprofessor im Center for New Music and Technology der University of California, Berkeley. Damals wurde auch sein Vertragsverhältnis zu der großen CD-Firma RCA/BMG beendet und schließlich durch einen Vertrag mit der kleinen französischen Firma Label Bleu ersetzt. Im Jahre 2001 begann Coleman wieder regelmäßig aufzutreten und die Live-Musik seiner Gruppe aus diesem Jahr wurde auf dem Doppel-Album Resistance Is Futile veröffentlicht.

Philosophie
Coleman hat ein außerordentlich reges Interesse an Ideen, die versuchen, grundlegende Prinzipien, Strukturen, Prozesse der Welt zu erfassen und sie in eine ästhetische Sprache aus Symbolen zu übersetzen. Dabei spielen nicht nur rationale Vorstellungen, sondern auch intuitive, visionäre und spirituelle eine wesentliche Rolle. Er sagt, er nutze alles: Spirituelles, Träume, Logik, Zahlen … alles. Diese Art eines im weitesten Sinne philosophischen Strebens sieht er in Denkweisen „alter“ Kulturen verwirklicht, an denen er besonders interessiert ist. Seine intensive Beschäftigung mit diesen geistigen Dingen bildet einen wesentlichen Teil seines musikalischen Ausdrucks.


Quellen:
Link, Link

 

 

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