Eigene Eindrücke zum Album
„Invisible Paths: First Scattering” (2007)

 

Mehr als 1 Stunde lang unbegleitete Improvisationen auf dem Saxofon! Ich erwartete mir von dieser neuen CD Steve Colemans also eine vielleicht interessante, aber nur in kleinen Dosen verdauliche, spröde Sache. Als ich die CD dann aber zum ersten Mal hörte, war ich überrascht: Ich vermisste seine (großartige) Band gar nicht - denn sie schien in seinem Spiel gegenwärtig zu sein. Ständig hörte ich die Rhythmusgruppe und die Sounds seiner Mitspieler ein wenig mit. Mir fiel ein, was Coleman in einem Interview über Sonny Stitt erzählte: „…Er begann einen Song zu spielen, er spielte nichts von der Original-Melodie, aber ich wusste, welchen Song er spielte. Man konnte die ganze Rhythmusgruppe und alles hören. Mein Vater sagte immer, die Typen klingen, als hätten sie eine Trommel im Horn, sie hatten so ein starkes Timing …“. [Näheres]

Ich hab bei Colemans Solo-Aufnahmen den Eindruck, dass in seinem Spiel Rhythmik, Melodik, Harmonik in einem Punkt zusammenfallen zu einem untrennbaren Ganzen, sodass er eben wie eine ganze Band klingt. Das mag nicht nur bei ihm so sein, aber ich habe das sonst noch nie in so beeindruckender Weise gehört.

Der zweite faszinierende Punkt ist für mich, wie Coleman die „Rhythmus-Melodien“ entwickelt: in viele Richtungen, mit überraschenden Verläufen und doch ganz logisch. Oft scheint er zurückzugehen und alternative Wege zu eröffnen, bis schließlich die vielen Wege ein enormes Geflecht bilden. Daran wirkt aber nichts beliebig, vielmehr wird in den vielfältigen, raffinierten Strukturen ein System spürbar, das hinter allem steht. Die Komplexität dieses Systems überschreitet allerdings mein Fassungsvermögen und das hat für mich einen Reiz: Es fordert heraus, belebt und es vermittelt den Eindruck von einer großen Sache, von einer beeindruckenden „Größe“ – aber anders als die großen komponierten Werke der klassischen Konzertmusik. Man steht bei Colemans Solo-Musik nicht wie bei einer Sinfonie vor einer Art musikalischer Kathedrale, sondern erlebt eine einzelne Person, die im Moment um Ausdruck ringt - um den Ausdruck besonders vielfältiger Ideen.

Das ganze würde mir aber keinen Spaß machen, wenn Coleman diese cleveren Geschichten nicht in seiner speziellen Art und Weise spielen würde: swingend, groovend, in bester Jazz-Tradition. Ich spür die Bewegung in seinem Spiel und mich spricht sein singender und zugleich scharfer Sound an. Es begeistert mich, wie seine Melodielinien blitzschnell zwischen verschiedenen Tempo-Ebenen wechseln und wie sie sich mit einer extremen Leichtigkeit und Flüssigkeit entwickeln.

Mit jedem Mal Hören nehme ich deutlicher die Vielfalt, die Abwechslung der 16 Stücke wahr. Ich entdecke Muster, die mit einer monotonen, trance-artigen Zwangsläufigkeit ablaufen; ein sperriges Wechseln zwischen verschiedenen Tonlagen, das mich an Jodeln erinnert; entspannt erzählte, bezaubernde Geschichten, die mit einem beruhigenden „Es war einmal“ beginnen; ein Jagen, das sich an sich selbst steigert. - Vieles in dieser Musik spielt sich für mich in fantastischen Gefilden ab, stellenweise in märchenhafter Schönheit, in traumhaften Landschaften, aber auch oft mit unheimlicher Surrealität, manchmal in bleiernem Status, in zähem Ringen mit Widerständen, meist vor Hintergründigkeit und Rätselhaftigkeit. Von all dem findet sich vieles in der Realität – eine Bezauberung der Wirklichkeit durch Musik.

Manchmal gebe ich bei konzentriertem Hören unwillkürlich einen Laut von mir, als wollte ich antworten. So kommunikativ empfinde ich Colemans Spiel – vor allem auch, weil es die ganze Palette der musikalischen Kommunikation nutzt: eine intelligente Sprache mit reichhaltigen abstrakten Strukturen, die unmittelbare Wirkung des Sounds und der Ausdruck von Stimmungen, die rhythmische Motorik von Groove usw.. Steve Coleman sagt: „Ich verwende alle Mittel: Imagination, Gefühl, Träume, Intellekt, all diese Dinge.“ Und: „Da gibt es spirituelles Zeug, Träume, Logik, Zahlen-Zeug … alles. Ich verwende alles, was verfügbar ist ... wilde Analogien oder was auch immer. Denn in meinen Augen hat man all das in sich und der Punkt ist, all das zu verwenden, um sich auszudrücken.“ [Näheres] [Näheres]

Zum Begriff „Invisible Paths" [unsichtbare Pfade] siehe folgende Erläuterungen Steve Colemans: Link (Ob der Begriff hier allein mit dieser Bedeutung verwendet wird, weiß ich nicht.)

 

 

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