Übersetzung eines Textes der CD-Firma zu Colemans Album „Weaving Symbolics“

Original (in Englisch): Link
Eigene Übersetzung ins Deutsche


Der unermüdliche Steve Coleman lernt ständig, studiert, beobachtet … das Verhalten der Bienen, Ägyptologie, Symbolismus, Mathematik. Er trifft sich mit Philosophen, Yogis, entdeckt das tägliche Leben in Java, wo er Teile des Jahres wohnt, befragt Anthony Braxton, Von Freeman und Sonny Rollins, die er ausdrücklich um ein Interview ersucht hat. Er studiert beharrlich die Sprache von Charlie Parker, das Leben von Art Tatum. Er hört sich auch junge Musiker an – in New York, wo er in der Jazz Gallery Workshops organisiert, aber auch in Kuba, Ghana, Indien, Ägypten – überall, wo er in der Welt unterwegs ist …

Zuletzt hat ihn seine Wanderschaft nach Brasilien geführt. Er hat Magic Malik mitgebracht, im Wissen, dass er ein bedeutendes Stück Seele in seine Musik bringt, auch Sarah Murcia, die Bassistin seiner Gruppe. Auch mit dabei ist Nelson Veras, eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Musikwelt, ein Gitarist mit unerschöpflichen Ressourcen. Steve Coleman begegnete ihm in Paris, bei einem von Maliks Konzerten, aber war damals nicht weiter an ihm interessiert. Ein Jahr später spürte er ihn jedoch auf und schlug ihm vor, „Weaving Symbolics“ mit ihm aufzunehmen – sicher, dass der Mann es durchziehen wird, wenn etwas von ihm gebraucht wird. [Kommentar: Dass hier Magic Malik und Nelson Veras besonders hervorgehoben werden, dürfte wohl darauf zurückzuführen sein, dass sie hinsichtlich ihrer eigenen Projekte ebenfalls mit der Firma Label Bleu im Vertrag stehen.]

Schon vom Beginn seiner unglaublichen Laufbahn an strebte Steve Coleman beharrlich danach, von anderen zu lernen, von der Welt, von der Natur, und dieses Wissen weiterzugeben, seine Entdeckungen und seine Bestrebung mitzuteilen. Schon bevor sie sich vorstellen konnten, dass sich ihre Wege kreuzen, hat sich jeder seiner Weggefährten auf seine Weise mit der Musik dieses Chicagoer Saxofonisten vertraut gemacht. Die Tatsache, dass er sie heute zusammen gebracht hat, um seine Musik zu erneuern, ist ein logischer Schritt für einen Mann, der seine Existenz auf die Zirkulation von Ideen und Energie gründet.

Eine Woche vor der Aufnahme-Session gab es intensive Proben, jede mit ihren Mängeln – angesichts der außerordentlichen Komplexität der Harmonien und Rhythmen. Während dieser Sessions entdeckten sie – dank Steves Computer – den Sound der Planeten beim Umkreisen der Erde so wie auch eine Menge anderer Mysterien, die der leidenschaftliche Musiker erfreut mitteilte.
Am ersten Tag war alles ziemlich chaotisch und unerwartet. Es war gewiss eine interessante Begegnung: Französische und amerikanische Musiker trafen auf drei junge Brasilianer, zwischen 18 und 28 Jahre alt, die kein Wort Englisch sprachen und kaum Musik lesen konnten. Trotz beharrlicher Nachfragen lieferte Steve Coleman keinerlei Noten oder Musik als Vorgabe. So kam jeder in eine Stimmung der Erwartung, ohne Idee, was von ihm erwartet wird, jedoch im Bewusstsein der Herausforderung, die Sprache des Saxofonisten zu verstehen. Er unterbreitete kleine Bruchteile von Kompositionen, ein paar Ideen, er beobachtete ihre Reaktionen, aber noch am Tag, bevor man ins Studio ging, hatten die Musiker nur ganz vage Vorstellungen über das, was sie eigentlich aufnehmen werden. Während den Aufnahme-Sessions verschwand Steve Coleman manchmal in sein Schlafzimmer um zu komponieren. Ein paar Stunden später legte er das Ergebnis seiner Arbeit seinem besorgten und ein wenig verunsicherten Team vor. Dennoch nahm das Material Gestalt an. Jede Person isolierte sich, um es zu verstehen und zu interpretieren, und später am Tag kamen alle zusammen, um Noten zu vergleichen und ihre Gedanken auszutauschen. Unter dem ermutigenden Auge des Komponisten nahm die Musik langsam Gestalt an und aus dem anfänglichen Chaos entwickelten sich ein gemeinsamer Sound und eine ungeahnte Interpretation der ursprünglichen Ideen.

Der unermüdliche Saxofonist beobachtet ständig, macht sich Notizen und lässt sich von den Auffassungen der anderen inspirieren, von deren Sound und ihrer Vorgeschichte. Im gefilmten Interview (gedacht als raue, spontane Dokumentation), das die Doppel-CD begleitet, sagt er: „Jeff Watts, mit dem wir ein paar Stücke als Trio für dieses neue Album aufnahmen, zusammen mit dem Bassisten Eric Revis, hat eine Verwurzelung in der Tradition, die Malik nicht hat. Andererseits hat Malik eine Konzeption der Musik, die für Jeff Watts völlig fremd ist. Das ist es, was mich interessiert. Als ich dieses Projekt Nelson, Sarah und Malik vorschlug, war sein Inhalt extrem vage; ich hatte ein paar vorbereitende Skizzen gemacht, aber noch nichts war wirklich komponiert.“ Obwohl Coleman sich in gewissen Aspekten von seiner Intuition leiten lässt, ist seine Musik das Ergebnis tiefer Reflexion, besonders auf diesem Album, das auf seine Anordnung hin zu einer Suite ausgedehnt wurde, bei der die Stücke symmetrische Entsprechungen sind und die Kompositionen direkt von Mathematik, Astrologie und auch Numerologie inspiriert sind. „Davon ist nichts neu … Bach und Schönberg haben sich damit beschäftigt. Ich arbeitete auch mit numerologischen Prinzipien im Zusammenhang mit Coltranes Musik, es gibt so viel auszudrücken …“ Steve Colemans kompositorische Techniken sind weitgehend inspiriert von diesen „klassischen“ Komponisten und schließen gespiegelte oder umgekehrte melodische Ideen ein, arbeiten mit Intervallen, Fugen usw.. – Doch bekennt sich der Saxofonist zu einer Musik-Gestaltung, die dazu bestimmt ist, mehr gefühlt als angehört zu werden …
In einer bemerkenswerten 15-minütigen Sequenz legt Coleman eine tief empfundene Homage an Charlie Parker vor, im Duo mit dem unglaublichen 19-jährigen Schlagzeuger Marcus Gilmore, dem Enkel von Roy Haynes. - Hier kann man das eindrucksvolle Spektrum von überwältigender Raffinesse, ursprünglicher Energie, Meisterschaft und Ungezwungenheit hören, das diesen einzigartigen Musiker charakterisiert. Immer wieder scatet, singt und spielt Coleman mit der Kraft eines Boxers und der Lebendigkeit und der Anmut eines Jongleurs.
Dieses neue Werk zu hören und die Dokumentation, die Colemans Arbeitsweise zeigt, zu sehen, vermittelt einem eine Vorstellung von der unglaublichen Vitalität, die er auf der Musikszene hervorbringt. Unter anderem erkennt man eine außergewöhnliche Mischung aus Wissen und berührender Naivität (eine Qualität, die bei allen echten Suchern zu finden ist), weiters die Beherrschung einer eindrucksvollen Datenmenge für die Schaffung eines soliden Fundamentes, verbunden mit einem ausreichend offenen Geist, einer Empfänglichkeit für neue Ideen und der Bereitschaft, herkömmliches Wissen zu hinterfragen.

„Weaving Symbolics“ ist ein neues Abenteuer in bisher unerforschtes Neuland und bietet eine Musik, die die seltene und kühne Ambition hat, Reflexion und Intuition miteinander zu verbinden, Komposition und Improvisation, Mathematik und Poetik, das Artikulierte und das Unfassbare.

 

 

 

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