Überblick über verbundene Artikel

Jazz-Qualitäten


Als Merkmale des Jazz werden oft rhythmische Intensität, Improvisation, expressive Klangfarben, spezielle Tonbildung, individuelle Stilistik und so weiter genannt. Diese Merkmale sind allerdings auch in vielen anderen Musikarten zu finden, zum Beispiel in afrikanischen und indischen, zum Teil auch in europäischer Volksmusik, und zu Zeiten Bachs und Mozarts wurde selbst in der europäischen Konzertmusik improvisiert. Was als Eigenheit des Jazz dargestellt wird, ist häufig nur der Kontrast zu Besonderheiten der „klassischen“ Musik, wie sie heute wahrgenommen wird: also der Kontrast zum europäischen Ideal des reinen Klangs, zur strengen Bindung an niedergeschriebene Kompositionen, zum Zurückstellen von Rhythmik, Körperlichkeit und Spontaneität in der „Klassik“.

Betrachtet man den Jazz nicht nur im Vergleich mit der europäischen Konzertmusik, sondern aus einem breiteren Blickwinkel, so zeigen sich vielfältige Verbindungen zu verschiedenen Musikarten. Diese Vielfalt ergab sich bereits aus der zwiespältigen Herkunft des Jazz: Viel vom Vokabular seiner musikalischen Sprache stammt aus Europa, doch hat seine grundlegende Musikauffassung auch wichtige afrikanische Wurzeln. Aufgrund der Verbundenheit mit anderen Musikarten und der Vielzahl unterschiedlicher Spielweisen im Jazz blieben Versuche, den gesamten Jazz mithilfe von Merkmalen zu charakterisieren und einzugrenzen, nur begrenzt überzeugend. Auch hängen solche Charakterisierungen stark vom eigenen Musikverständnis (das bei Autoren der Jazz-Literatur häufig „klassisch“ geprägt ist) ab.

Ein Verständnis für das Wesen des Jazz ergibt sich vor allem aus der Perspektive von „innen“1)[+] - aus dem, was maßgebliche Musiker über die Qualitäten, um die es in ihrer Musiktradition geht, vermittelt haben:

 

Qualitäts-Merkmale

Die Meister des Jazz erwarben ihre Fähigkeit in jungen Jahren vor allem durch eine Kombination folgender zwei Formen des Entwickelns: einerseits durch ein Eintauchen in die Gemeinschaft erfahrener Musiker und andererseits durch zurückgezogenes, endloses Experimentieren mit ihrem Instrument.2)[+] Also durch eine Kombination aus dem Übernehmen kultureller Erfahrung und dem Entwickeln einer eigenständigen musikalischen Persönlichkeit. So gelang es ihnen, einen eigenen Beitrag zu dieser Tradition zu leisten und damit dem Wesen und den Qualitäten dieser Tradition auf eigene Weise Gestalt zu geben.

In den 1970er Jahren suchte der Saxofonist Steve Coleman als junger Musiker in Chicago den Kontakt zu Meistern der Jazz-Tradition und lernte von ihnen – vom Alt-Saxofonisten Sonny Stitt, der nur 4 Jahre nach Charlie Parker geboren wurde und ähnlich wie Parker spielte, sowie vom Alt-Saxofonisten Bunky Green und vom Tenor-Saxofonisten Von Freeman, die beide sehr eigenständige Spielweisen entwickelt hatten. Steve Coleman erzählte: „Als ich aufwuchs und in Von Freemans Sessions spielte, gab es bestimmte Dinge, die wichtig waren. Dein Sound, dein Groove und wie du dich selbst ausdrückst. […] Es gab ständig diese Kritik daran, dass man keinen Sound hat, keinen guten Groove, eine Menge Kritik am Rhythmus: Dieser Typ kann nicht swingen, er hat kein Feeling und so weiter. Es ist also keine intellektualisierte Sache, es ist einfach eine Frage des Lernens dieses speziellen Idioms von diesen Meistern, die vor einem kamen. Man muss mitkriegen, was es ist, das sie gut ausdrücken können. Wie man erreicht, dass es sich in einer bestimmten Weise anfühlt, wie man verbindet, wie man swingt. Man hört die Typen über das Gleiten [floating] des Rhythmus, das Swingen des Rhythmus und all diese verschiedenen Begriffe reden. Man muss das mitkriegen […] um ein Mitwirkender zu sein.“3)[+]

Der Bassist und Bandleader Charles Mingus schrieb im Jahr 1971: „Ich hatte selbst Gelegenheit, diese Musiker zu genießen4), die nicht einfach nur swingten, sondern neue rhythmische Muster erfanden sowie neue melodische Konzepte. Und diese Leute sind: Art Tatum, Bud Powell, Max Roach, Sonny Rollins, Lester Young, Dizzy Gillespie und Charles Parker, der für mich das größte Genie von allen ist, weil er die ganze Ära veränderte. […] Ich bewundere jeden, der etwas Originelles hervorbringt – aber nicht Originalität alleine, denn es kann auch Originalität in Dummheit geben, ohne musikalische Darstellung irgendeines Gefühls oder irgendeiner Schönheit, die der Mann gesehen hat, oder eines Lebens, das er gelebt hat. Zum Beispiel mag einer sagen, er spiele mit Gefühl. Doch kann er mit Gefühl spielen und überhaupt kein melodisches Konzept haben.“5)

Charlie Parker sagte in einem Interview, das der Saxofonist Paul Desmond führte: „Es gibt definitiv Geschichten und Geschichten und Geschichten, die im musikalischen Idiom erzählt werden können. [...] Musik ist grundsätzlich Melodie, Harmonie und Rhythmus. Aber ich meine, Leute können mit der Musik viel mehr machen als das. Sie kann sehr anschaulich sein in allen möglichen Richtungen, in allen Lebensbezügen. Stimmst du zu, Paul?“ - Desmond antworte: „Ja, und du hast tatsächlich immer eine Geschichte zu erzählen. Es ist eine der eindrucksvollsten Dinge bei allem, was ich von dir gehört habe.“ Und Parker erwiderte: „Das ist mehr oder weniger der Sinn der Sache. Das ist es, was es nach meiner Vorstellung sein soll.“6)
 
Bunky Green erzählte: „Ich lernte am Anfang von Charlie Parker. Ich versuchte, seinen gesamten Stil zu kopieren. Ich wollte exakt so sein wie er. Als ich älter wurde und ‚Parker’ spielen konnte, verstand ich, wo Parker herkam. Er ‚sagte‘7): Wenn du so sein willst wie ich, musst du so wenig sein wie ich, wie es nur geht. Denn ich war in meiner Zeit ein Rebell. Wenn du also wie ich klingst, dann bist du nicht Charlie Parker.8) - Bunky Green sagte auch: „Wenn man etwas erreicht hat, dann muss man aufpassen, dass man sich nicht auf den Lorbeeren ausruht, denn wenn man das tut, dann ist alles vorbei. Nicht bloß Jazz, sondern Kreativität in allen Bereichen … lediglich Haltestellen … Es ist besser, man hat etwas, wohin man strebt, sein ganzes Leben lang. Wenn nicht, bricht alles ab.“9)

Steve Coleman, der seine Musik in sehr eigenständiger Weise laufend weiterentwickelte, sagte aber auch: „Es gibt gewisse Leute, die mein Maßstab sind, mein Bezugspunkt.“ Ihre Beispiele habe er studiert und sei ihnen gefolgt. „Ich habe meine hybride Version von diesen Beispielen, denn ich bring sie in mir alle zusammen und mit dem, was ich mag. Man muss wählen, welcher Tradition man folgen wird. […] an einem gewissen Punkt entscheidet man sich zu dem, was ich spezialisieren nenne, oder dazu, sich auf gewisse Elemente zu konzentrieren. Aber man hat weiterhin diese Normen von dem, was Leute vor einem aufgestellt haben. […] Es geht immer darum, einen Beitrag zu leisten, so sehe ich das. Als Charlie Parker eine bestimmte Sache in seiner Musik machte, machte er einen Beitrag - auf den dann eine Menge Leute aufbauten. […] [John] Coltrane und den anderen war sehr wohl bewusst, dass sie in einer speziellen Bruderschaft waren. Sie sprachen auch darüber; sie sprachen davon, Teil der kreativen Sache zu sein, die damals geschah. - So kann ich heute sagen: ‚Hier ist mein Beitrag‘. Ich hab nicht das Niveau des Beitrages zu beurteilen oder welche Wirkung er haben wird. Das ist völlig außerhalb von mir, jenseits meines Einflussbereiches. Die einzige Sache in meinem Einflussbereich ist, dass ich mein Bestes dafür tun kann, einzuhaken – wie wir sagen […].“10)[+]

 

Es würde somit dem kreativen Geist der Jazz-Tradition und dem hohe Stellenwert, den ein eigenständiger kreativer Ausdruck im Jazz hat, widersprechen, früher entwickelte Stile als Vorlagen festzuschreiben und das Jazz-Verständnis an sie zu binden. Was die Meisterwerke der Vergangenheit11)[+] als Maßstab vorgeben, sind weniger ihre konkreten Stil-Formen als ihre grundlegenden Qualitäten, für die sich aus den Musiker-Aussagen folgende zentrale Aspekte herausfiltern lassen:

  1. Groove (Swing)
  2. Sound
  3. Geschichten-Erzählen

Alle 3 Begriffe sind mehrdeutig, nicht ganz klar und mehr erspürbar als theoretisch verstehbar. Aber gerade dadurch erfassen sie zentrale Wesenszüge des Jazz in einer elementaren, die verschiedenen Stile übergreifenden Weise. Um ihre Bedeutung geht es in den nächsten Artikeln:

 

weiter auf der Startseite

Überblick über verbundene Artikel

 

——————————————————
Fußnoten können direkt im Artikel gelesen werden, wenn man mit der Maus den Pfeil über die Fußnoten-Zahl führt.

  1. Steve Coleman zum Unterschied zwischen der Sicht von außen und der von innen: Link
  2. Vijay Iyer: „Aus der oben dargestellten Diskussion wird klar, dass vor allem im Bereich des Jazz ein Verständnis der Musik aus der Beziehung zu seinem Körper, seinem Instrument, den Kollegen und der weiteren Kultur entsteht. Solche Schlüsse wurden auch von Berliner (1994 [Paul F. Berliner, Thinking in Jazz. The Infinite Art of Improvisation, 1994]) gezogen. Seine Kern-Aussage ist, dass einer die für Jazz-Improvisation erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten hauptsächlich aus der Kombination von einem Eintauchen in eine akkulturierte Gemeinschaft von Praktikern und von Stunden über Stunden des selbständigen Experimentierens auf seinem Instrument erlangt – das heißt, aus einem Zusammenfließen von „situiertem“ [situated] und „verkörpertem“ [embodied] Lernen.“ (QUELLE: betreffende Stelle in Vijay Iyers Dissertation; von mir übersetzt: Link
  3. QUELLE: Interview mit Johannes Völz, Anfang 2003; von mir übersetzt; Link
  4. nicht nur als Hörer, sondern als Mitspieler
  5. QUELLE: Begleittext zu Mingus Album Let My Children Hear Music, 1971; Internet: http://mingusmingusmingus.com/Mingus/what_is_a_jazz_composer.html; von mir übersetzt
  6. QUELLE: Boston Radio, 1954, transkribiert von Claire Hiscock, editiert von Mel Martin; Internet: http://www.melmartin.com/html_pages/Interviews/bird_desmond.html; von mir übersetzt
  7. Charlie Parker scheint das nicht konkret so gesagt zu haben, sondern Bunky Green hat diese „Aussage“ Parkers offenbar aus der Kenntnis der Musik Parkers und seines Beitrags in der Jazz-Geschichte abgeleitet.
  8. Interview anlässlich seines Konzertes im Rahmen des Jazz-Baltica-Festivals 2008, Gemeinschaftsproduktion der Fernsehsender ZDF, 3sat und NDR, 2008
  9. Bunky Green: „When you reach something, you have to be careful not to rest on your laurels because if you do that, it's all over. Not just jazz, but creativity in all areas … simply stops … you better have something that you're going for, all your life. If not, everything is cut short. So we're in this process of striving, and it's with us forever.“ (QUELLE: YouTube-Video aus dem Jahr 2010, das eine Vorschau zu Rudresh Mahanthappas Album Apex bietet; Internet: http://www.youtube.com/watch?v=wuc-Np8W4kM)
  10. QUELLE: Interview mit Johannes Völz, Anfang 2003; von mir übersetzt; Link
  11. siehe die in Jazz ist … angeführten Werke

 

 

Kontakt / Offenlegung